Hier etwas in ganz eigener Sache – und es hat auch nichts mit Kunst zu tun. Als kleine Gruppe von Hobby-Autoren habe wir zusammen mit unserer Lektorin Elvira Kob-Precht einen Erzählband mit Kurzgeschichten heraus gebracht.

Die nächste Lesung findet am 07.12.2018 in München im Kulturladen Westend statt.


Eine meiner Kurzgeschichten spielt im japanischen Setting – natürlich.

Die Schuhe des Törichten

Es hatte sich in Windeseile herumgesprochen, was geschehen war. In Windeseile? Eine gewaltige Untertreibung. Es war ein Donnerknall!

Das Unerhörte ereignete sich im 4. Monat des zwölften Jahres während der Feierlichkeiten für den jungen Bambus. Die Kaiserin selbst hatte beschlossen, dem frischen Grün des Bambusses zu Ehren ein Fest auszurichten – leicht und unbeschwert mit erlesenen Speisen und bestem Reiswein. Berichtet hatte das Unerhörte Oyosan, die erste Dienerin der Kaiserin. Sie hatte gehört, dass man in der Schmucknische ihrer Herrin, die einzig den edelsten Blumengestecken vorbehalten sei, die schmutzigen Schuhe eines Mannes gefunden hat.

Eine Katastrophe, so hieß es, habe der Kaiser gesagt.

„Ich kann das nicht glauben. Ob es ein Wahnsinniger gewesen ist? So etwas tut doch nur ein wahrlich törichter Mensch.“ So sprach Oyosan, als sie sich in den Frühlingsgemächern der engsten kaiserlichen Bediensteten niederließ.

„Du bist töricht und naiv zugleich“, sagte die Hofdame Akahiko. Sie war die zweite Hofdame der Kaiserin. Sie kicherte hinter vorgehobener Hand. Doch wie sie errötete! „Liebe Oyosan. Dieser Mann war betrunken! Das ist doch offensichtlich. Er war sicher nicht bei klarem Verstand.“

Die Dienerin Oyosan schürzte die Lippen und zupfte die Ärmel ihres seidenen Überwurfs zurecht.

„Betrunken oder nicht“, nun sprach Sei Shonagon, die erste Hofdame der Kaiserin. „Der Kaiser hat angeordnet, dass in den Räumen seiner Gemahlin ein Reinigungszeremoniell durchgeführt werden soll und zwar unter Einbezug des höchsten Priesters zu Hofe. Und der Übeltäter soll des Hofes verwiesen werden, für alle Tage, gleich wer es war.“

In diesem Moment vernahmen die Damen das leise Rauschen von Gewändern durch die Schiebetüren. Es waren Frauengewänder, das verriet das Schleifen der langen, voluminösen Säume. Die Damen atmeten auf. Sie kannten diese Säume. Eine Schiebetüre wurde von zarter Hand geöffnet und nach einer kurzen Verbeugung trat die zweite Dienerin der Kaiserin ein. Sie trug einen Beutel in der Hand. Aus dem schüttelte sie schließlich die schmutzigen Schuhe des Törichten.

Ein Raunen erfüllte den Raum, entsetzte Rufe gar, als die Dienerin den Beutel fest zusammen rollte und mit gespreizten Fingern versuchte, die Schuhe damit aufzurichten.

„Aber Hakumi, was soll das bedeuten? Hat man etwa dir befohlen, dich um diese Schuhe zu kümmern?“

„Wo denkst du hin? Niemals würde ich mich mit schmutzigen Schuhen abgeben. Ich soll sie dem Stallmeister übergeben. Der soll sie konservieren, bis der Besitzer gefunden ist.“

„Ah, dem Stallmeister, da gehören die Schuhe auch hin… aber wieso bringst du sie dann zu uns?“ Schaudernd betrachteten die Damen die besudelten Schuhe. Die jüngeren Damen tuschelten erregt. Das waren sie, die Schuhe, über die selbst der Kaiser zürnte. Da lagen sie nun.

„Seht nur!“ Nun konnte die Dienerin Oyosan ihre Neugierde nicht mehr zügeln. „Die hölzernen Absätze des linken Schuhs sind völlig mit Erde und Schlamm bedeckt.“

Die Dienerin Hakumi lächelte, als sie die forschenden Blicke der Damen sah, die sich nun über die geheimnisvollen Schuhe beugten. „Ja, gestern hat es geregnet. Doch der Mann scheint vollkommen vom Weg abgekommen zu sein. Wahrscheinlich ist er mitten durch den nassen Bambuswald gewankt.“

„Oh ja, hier sind sogar Steine in der Sohle. Kein Mann von Adel oder von Verstand begibt sich derart auf Abwege, wenn er den gewässerten Steinweg benutzen kann. Aber diese Schuhe sind beschmutzt wie die eines gemeinen Bauern!“

„Nun, Akahiko, du musst es ja wissen. Du hast doch in deinem ganzen Leben noch nie das Antlitz eines Bauern gesehen.“ Bei diesen Worten strich Sei Shonagon sorgfältig ihre wallenden Gewänder zurecht.

Die Dame Akahiko verbeugte sich tief vor Sei Shonagon.

„Aber es sind ganz sicher die Schuhe eines Edelmanns“, erklärte nun die dritte Dienerin. „Das Rot der samtenen Schuhbänder ist erlesenes Rot. Habt ihr das gesehen?“

„Ich sehe nur eines“, sage Oyosan. „Die Bänder sind nicht nur verschmutzt. Sie sind von Holzsplittern durchtrieben. Ich glaube sogar, dass er bäuchlings im Wald gelegen sein muss!“

„Oh“, die Damen stöhnten vor Entsetzen. Als sie nach langen Untersuchungen noch den Bruch des linken Absatzes entdeckten, gab es keinen Zweifel mehr: Dieser Mann musste es wirklich gar zu toll getrieben haben. So einem war Ungeheuerliches zuzutrauen.

„Wahrlich“, seufzte die dritte Dienerin. „Aber was, wenn es nun gar nicht der Reiswein war? Vielleicht war es ja ein Rausch, aber von einer gänzlich anderen Art?“

Hakumi und Oyosan spitzten ihre Münder. Aber dann… ein Mann von Anstand hätte doch ein Gedicht verfasst und es der Kaiserin überbringen lassen. Was sagen denn die kaiserlichen Boten? Auch nichts? Nein?“

„Aber Hakumi, das macht doch keinen Sinn. Ein Gedicht an die Kaiserin? Und überhaupt, das passt doch nicht zusammen. Wieso käme der Liebestrunkene wohl mit derart schlechten Schuhen?“

Sei Shonagon unterbrach die Damen. „Ihr seid töricht. Es schickt sich nicht, über solche Dinge zu sprechen. Nun lasst doch bitte eure launischen Gedanken ruhen!“

„Liebe Shonagon“, entgegnete die Dame Akahiko. „Zumindest haben wir noch launische Gedanken und müssen uns nicht ständig nur vor der Kaiserin hervortun.“

„Aber wie kommen die Schuhe denn dann in das Gemach der Kaiserin?“ Die Dienerin Oyosan fiel den beiden Damen ins Wort. „Keiner kommt auch nur in die Nähe ihrer Gemächer. Es wird doch nicht einer der Wachleute gewesen sein?“

„Der kaiserliche Aufseher hat sie alle befragt. Sie waschen ihre Hände in Unschuld. Niemand war es – ganz sicher, nein.“

„Nun gut. Aber es ist doch ihre Aufgabe wachsam zu sein. Haben sie auch nichts bemerkt?“

„Nein! Die einen haben nichts gesehen, die anderen erinnern sich nicht.“ Die dritte Dienerin schlug bei diesen Worten beschämt die Augen nieder. Sie erinnerte sich auch nicht. Sie hatte geschlafen.

„Das ist doch unerhört!“ Hakumi tat entrüstet. „Die Wachen müssen wissen, was geschehen ist!“

„Nun, vielleicht wissen sie es ja, aber…“

„Ist es denn zu fassen?“ Die Dame Akahiko blickte spöttisch in die Runde. „Der gesamte Hof hat nichts dazu zu sagen. Und du Shonagon? Du bist die erste Hofdame der Kaiserin, stets an ihrer Seite. Wie konntest du denn über all das hinweg sehen? Oder kannst du dich auch an nichts erinnern?“

Sei Shonagon erhob sich entrüstet. Wie konnte Akahiko sie nur so demütigend ansehen? Sei Shonagons lange schwarze Haare fielen erhaben über ihre Schultern und über ihre sorgsam ausgewählten Gewänder. Doch in ihren Augen schimmerten die Tränen der Wut. „Ich war auf dem Fest der Kaiserin“, brach es schließlich aus ihr heraus. „Was habe ich nun mit diesen grässlichen Schuhen zu tun?“ Sie beugte sich leicht nach vorne, um in dem fahlen Licht Akahikos Augen zu sehen. „Ich weiß genau, was du sagen willst. Der Neid auf meine Stellung steht dir seit langem im Gesicht. Ja, vielleicht habe ich tatsächlich gesehen, was geschehen ist. Aber dir würde ich es niemals verraten. Lieber würde ich geschorenen Hauptes aus diesem Palaste ziehen.“

Den Damen stockte der Atem. Die kleine Welt zwischen den kaiserlichen Gemächern schien plötzlich wie eingefroren. Wozu hatten sie sich nur hinreißen lassen? Wahllose Gedanken, leichtfertige Worte, liederliche Gesten – was hatte all dies nur heraufbeschworen? Da begann eine Kohlmeise zu zwitschern. Man könnte sogar sagen, sie begann heftig zu rumoren. Doch wie erleichtert blickten die Damen auf die papierenen Schiebetüren zum Garten. Sie überließen dem Vogel die Aufgabe, sich lauthals zu empören.


Einer meiner Kollegen aus der Autorengruppe hatte mir zu dieser Geschichte erst einmal den Kopf gewaschen: Wenn du in deiner Geschichte die bekannte Figur Sei Shonagon auftreten lässt, könnte der Leser denken, dass du dich mit ihr auf eine Stufe stellen willst!

Wow, das hatte gesessen.  Daran hatte ich im Traum nicht gedacht, als ich diese kleine Geschichte geschrieben habe, die nicht einmal den Anspruch auf historische Genauigkeit erhebt. 

Ich bin nur tatsächlich ein großer Fan von Sei Shonagons wunderbarem Buch Das Kopfkissenbuch einer Hofdame. Auf eine Stufe stellen? Beileibe nicht. Dennoch danke ich dem Kollegen für dieses Feeback.