Hach, ist das nicht einfach wunderbar – dieses Lebensgefühl! Ja, das Lebensgefühl… das bitte was? Können Sie wirklich greifen oder gar definieren was das sein soll, das Lebensgefühl? Nein? Eigentlich seltsam, wenn man bedenkt, dass es das Wollen und Wirken ganzer Generationen bestimmt haben soll, gesellschaftliche Umbrüche provoziert hat und wer weiß, was man diesem Gefühl nicht sonst noch alles zuschreibt. Liebe, Angst, Hass, unter den menschlichen Gefühlen mögen diese wohl zu den wohlbekanntesten zählen. Aber dieses Lebensgefühl? Seltsam… aber doch. Ist es nicht sogar eines der größten und wichtigsten Gefühle, die es im Leben überhaupt gibt? Macht diese innere Empfindung der persönlichen Lebensumstände nicht auch rein subjektiv gesehen den kleinen und doch so großen Unterschied zwischen dem gelungenen und dem weniger gelungenen Leben, zwischen einem aktiv gelebten Leben und einem passiven Dasein, zwischen mehr Liebe, Freude und Zuversicht oder Angst und Hass?

Es macht also durchaus Sinn, sich einmal mit dem Lebensgefühl auseinanderzusetzen, mit dem eigenen und dem der Anderen. Und genau das tun wir auch hier. Denn es geht in diesem Essay nicht nur um die Kunst. Klar, um die geht es auch. Doch um die Kunst zu verstehen, gilt es zunächst einmal einzutauchen in die historischen Umstände und in das kolossale Lebensgefühl, die das Leben währen der Edo-Zeit ausmachten. Vieles wird uns womöglich überraschen. Aber Sex Drugs and Rock’n Roll? Echt jetzt?

Die Edo-Zeit (1603 – 1868) – sie wird auch Tokugawa-Zeit genannt, da die Tokugawa-Familien in dieser Zeit als Shôgune das Land regierten. Mit der Tokugawa Herrschaft tritt Japan faktisch in die frühe Neuzeit ein. Für mich, im japanischen Kontext, eine der spannendsten Themen überhaupt. Allerdings wurde dies nicht immer so gesehen. Japanische Historiker und Intellektuelle sparten die Kultur der Edo-Zeit in ihren Untersuchungen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts fast gänzlich aus. Ein starkes Stück? Stimmt, geht es doch immerhin um 250 Jahre Geschichte. Doch wer etwas historisch auf sich hielt, beschäftigte sich lieber nicht mit dem „geschmacklosen Edo-Trash“, denn weite Teile der Edo-Kultur galten nicht einmal als „Kultur“, denn als Ausdruck rüder, vulgärer menschlicher Banalität. Was an der Edo-Zeit so vulgär sein soll, beleuchten wir im Folgenden natürlich ganz genau.

Doch zuvor noch eines: Der Begriff „Kunst“, und darauf will ich hier explizit hinweisen, wird in diesem Beitrag sehr allgemein und eher undifferenziert für unterschiedlichste „künstlerische Ausdrucksformen“ Japans verwendet. Er umschließt sowohl die bildende Kunst, als auch die Handwerkskunst als auch die Künste (in Japan als Weg-Künste bezeichnet, etwa Teezeremonie, Blumenstecken oder Bogenschießen). Tatsächlich ist es in Japan gar nicht so einfach, selbst Kunst und Handwerk voneinander abzugrenzen. Wer zu diesem Thema tiefer einsteigen will, gerne in dem Artikel Kunst aus Japan – einfach – schön. Aber um diese kniffelige Differenzierung soll es in diesem Beitrag erst gar nicht gehen.

Und noch eines ist mir wichtig. Ungeachtet der Breite des Kunstbegriffs, geht es mir hier nicht darum, die gesamte Palette an Kunst der Edo-Zeit zu beleuchten. Mir geht es hier im Wesentlichen um jene Kunst, die sich während der Edo-Zeit als bahnbrechend neue Kunst etabliert hat oder zumindest besondere Ausformungen entwickelt hat. Und wow, es gab wirklich bahnbrechende Neuerungen, so bahnbrechend, dass sie seinerzeit als skandalös wahrgenommen wurden. Oder, wie die Historiker attestierten, als vulgär.

Was mit all diesem „Trash“ einhergeht? Well, yes… this article may contain some salty language… lesen Sie trotzdem weiter!

Die historische Schatzkammer der Edo-Zeit

Die ach so vulgäre Edo-Zeit, wie sie so mancher japanische Historiker bezeichnet hat, was soll das denn nun sein? Und was hat das alles mit Kunst zu tun?

Weil die Kunst in den meisten Fällen einfach das Leben zeigt. Klingt zu einfach? Zu simpel und eindimensional? Wir werden sehen. In jedem Fall empfehle ich die Auseinandersetzung mit den folgenden Themen, denn sie sind für jede weitere Diskussion um die Kunst in jedem Fall relevant.

250 Jahre Frieden während der Edo-Zeit

Im Zentrum der folgenden Seiten stehen also jene historischen Fakten und Themen, die die Edo-Zeit ausmachten und damit auch die Kunst beeinflussten. Mit dem „wichtigsten“ oder relevantesten zu beginnen ist gar nicht so einfach,  daher würde ich an dieser Stelle mit dem offensichtlichtsen beginnen. Dem Frieden. Es klingt vielleicht banal, aber einer der wichtigsten Aspekte, auch im Sinne der Kunst, ist die Tatsache, dass es sich bei der Edo-Zeit um eine Zeitspanne von 250 Jahren an halbwegs ordentlichen Friedens handelt.   

Japan blickte, nicht erst seit dem Mittelalter, auf immer wiederkehrende Phasen von Gewalt und kriegerischen Auseinandersetzungen zurück. Friedliche Perioden, die es vereinzelt auch gab, waren nie von langer Dauer oder Beständigkeit. Wer sich bekriegte? Die Fürsten und Klans des Landes untereinander. Japan wurde bis zum Beginn der Edo-Zeit durch ein Sammelsurium an Fürsten und Clans regiert, die um Macht und Einfluss rangen, und mit ihnen viele viele geschulte Krieger. Erst ab 1600 flauten diese inländischen Kriege langsam ab, nachdem Tokugawa Ieyasu in der Schlacht von Sekigahara als unumstrittener Sieger und damit Einiger des Landes hervorging. Die Kriege unter den Fürsten und Familien fanden weitestgehend ein Ende. Es war endlich mal Ruhe im Land.

Bemerkenswert ist all dies insofern, als diese Zeit des Friedens die eigentliche Basis für so vieles war, was in der Folge entstand. Auch wenn es etwas übertreiben klingt, aber die Kräfte einer ganzen Nation flossen von nun an nicht mehr in Taktik und Kampf, sondern in die Stabilisierung des Landes, den Aufbau von Strukturen, neben der Landwirtschaft auch in den Aufbau der Städte, in Wohlstand, Kultur und natürlich auch in die Kunst. Wie bemerkenswert diese Zeit der Stabilität generell war, zeigt auch ein Blick auf die Weltkarte dieser Zeit, wo es kaum ein anderes Land geschafft hat, 250 Jahre lang nach innen und nach außen fast keinerlei Kriege zu führen.

Sakoku – die Abriegelung Japans währen der Edo-Zeit

Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt der Edo-Zeit ist die sogenannte „Abschottung“ oder Abriegelung des Landes. Dieser Vorgang wird auch sakoku genannt. Was war geschehen? Ein Land einfach dicht zu machen, das klingt doch zunächst einmal nach einem starken Stück.

Fakt ist, dass die Machthaber Japans seit 1633 immer schärfere Erlasse gegen die sich im Lande befindenden Europäer erließen, insbesondere gegen die Portugiesen und Spanier, was schließlich in deren gänzlicher Ausweisung und dem Abschluss des Landes gipfelte. Denn – es hatte Ärger gegeben. Die Ursachen lagen vereinfacht gesprochen in den Problemen, die durch das eingeschleifte Christentum entstanden, namentlich Aufständen der christlichen Landbevölkerung gegen das Tokugawa-Shôgunat. Die Isolierung des Landes war damit eine wichtige Abwehrmaßnahme gegen das stark expandierende Christentum. Doch selbst Japaner, die sich mehrere Jahre im Ausland aufgehalten hatten, durften bald nicht mehr zurückkehren.

Mit sakoku verfolgte der Shôgun aber noch ein weiteres Ziel: die Eindämmung des Auslandshandels. Handel generell, selbst der mit nicht-christlichen Ländern, war nicht mehr erwünscht, denn der Shôgun fürchtete die Geschäftstüchtigkeit seiner Daimyô, also der ihm unterstellten Lehensfürsten, die die 250 Lehen Japans in einer dualistischen Herrschaftsteilung für den Shôgun verwalteten sollten. Der Shôgun versuchte also mit der Eindämmung des Handels, seine noch wackelige Macht zu stützen. Die Kriegskassen und damit jegliche aufständischen Gelüste seiner Lehensfürsten sollten so schmal wie möglich gehalten werden.

Vor dessen Abschottung war Japan über Jahrhunderte durch Einflüsse aus China, Korea oder auch Europa geprägt gewesen.

Leider wird die sakoku-Thematik häufig sehr vereinfacht dargestellt. Oft wird von einer grundsätzlichen Abschottung und Abriegelung Japans gesprochen, keinerlei Einreise oder Handel sei erlaubt gewesen. In der Realität stimmte das aber nur bedingt. Was z.B. blieb, war die Handelsniederlassung der Niederländischen Ostindien-Kompanie auf der Insel Dejima vor Nagasaki, über die auch weiterhin Handel mit westlichen Ländern betrieben wurde. Dejima war auch der Kanal, über den in einem gewissen Umfang westliches Wissen über Technologien, Medizin oder Kunst ins Land kam. Und es gab eben doch Lehen, die mit einzelnen Ländern im Handelsaustausch standen, etwa mit Korea, Südostasien, Russland oder China, auch wenn dies nicht hoch offiziell zu verorten war. Phasenweise wurden in kultureller Hinsicht auch wieder relativ enge Beziehungen zu China gepflegt. Von einer völligen Abschottung kann also nicht die Rede sein, vielmehr von einer überaus starken Reglementierung. Teilabriegelungen dieser Art hatte es in vielen Ländern Ostasiens gegeben, etwa in Korea oder China. Aber – die Abschottung Japans dauerte überdimensional lange an.

Sakoku hatte Folgen. Denn diese Teilabriegelung war in jedem Fall Abriegelung genug, um die Ausformung einer Kultur zu ermöglichen, die sich weitgehend ohne nennenswerte Einflüsse von Außen entwickeln konnte. Sakoku war die Zeit, in der Japan seine traditionellen kulturellen Spielarten in besonderen Maße ausbaute und vertiefte.  

Das, was wir heute häufig als „romantisches Japan“ bezeichnen, fußt auf eben diesen Bedingungen. Aus heutiger Sicht wird die Edo-Zeit daher häufig verklärt. Aber in gewisser Weise blieb Japan auch zurück. Modernisierung oder Industrialisierung blieben fast gänzlich aus. Vieles für den täglichen Gebrauch wurde bis in die 1950er Jahre noch in traditionellen Handwerksbetrieben hergestellt. Wir sprechen also von technologischer Rückständigkeit und von feudalistischen Gesellschaftsstrukturen, unter denn die Menschen stark litten. Existenzielle Nöte und Hungersnöte blieben ebenfalls nicht aus. Demokratische und humanistische Gedanken hatten kaum Einzug in das japanische Denken gefunden. Und dennoch war die Edo-Zeit letztlich eine Zeit der wirtschaftlichen Blüte. Die Bevölkerung wuchs deutlich an. Die Lebensqualität stieg für viele Menschen, insbesondere in den Städten, vom Essen, über die Kleidung über die Kultur bis zur Behausung.

Mit der Öffnung Japans Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu einem raschen Wandel hin zu einer modernen Industriegesellschaft, mit allen Konsequenzen eines zügig einsetzenden Wandels.

Das Aufblühen der Städte während der Edo-Zeit

Und nun wird es im Sinne unseres Titels wirklich interessant. Denn in Zeiten des Friedens setzte eine machtvolle Entwicklung ein: die Belebung der Städte. Die Hauptstadt Edo (heute Tokyo) erfuhr einen enormen Aufschwung, aber auch Osaka oder Kyoto, wenngleich jede auf ihre Art.

Das Florieren Edos (mit ca. 1 Mio Einwohnern gegen Anfang des 18. Jahrhunderts die größte Stadt der Welt) wurde durch einen politischen Schachzug des Shôguns befeuert, der eigentlich nichts mit dem Thema „Stadtentwicklung“ zu tun hatte. Sein eigentliches Ziel war einmal mehr, die Daimyô, die Landesfürsten der einzelnen Lehen, zu schwächen. Zu diesem Zweck wurden sie von Seiten des Shôguns dazu gezwungen, ihre Ländereien alle zwei Jahre für die Hälfte des Jahres zu verlassen, um in der Hauptstadt Edo zu residieren (sankin-kôtai). Der Shôgun wünschte sich Gesellschaft? In gewisser Hinsicht ja, aber nur mit dem Zweck, die Daimyô finanziell und strategisch zu schwächen, also der gleiche Gedanke wie sakoku. Denn die Daimyô mussten in Edo einen standesgemäßen Zweitsitz unterhalten, was eine enorme finanzielle Belastung war. Dies und auch die ständige Reisetätigkeit, die mitunter wochenlang dauerte, mögen den Daimyô in der Tat jedweden aufständischen Gedanken ausgetrieben haben. Rudolf Lindau beschreibt solch einen aufwendigen und mannstarken Umzug um 1650 sehr anschaulich in seinem Buch Reise um Japan. Hinzu kam, dass die Frauen und Kinder der Daimyô permanent in Edo leben mussten, ein weiteres Druckmittel, um die Landesfürsten gefügig zu halten. Funny-fact am Rande: An den Stadtgrenzen Edos wurde aus gegebenem Anlass bei den ausreisenden Männern ein „Genitalcheck“ durchgeführt, denn so manche Daimyô-Frau hatte versucht, sich als Man verkleidet aus der Stadt zu stehlen.

Sex check at the boarders of Edo

Es hieß, dass sich zahlreiche ältere Damen ganz selbstlos für diese Aufgabe gemeldet hätten. Was soll man dazu sagen? Es lebe die Stadt.   

Bedingt durch die Zeit des Friedens nahmen bald auch viele ehemalige Krieger, die sich zu Beginn der Edo Zeit noch in den Ländereien der Daimyô aufhielten, Aufgaben in der Verwaltung des Shôgunats an. Viele dieser Ämter waren natürlich wieder in der Hauptstadt zu bekleiden.

Was in der Folge erblühte, war naturgemäß Edo. Das Erbauen und die Instandhaltung der Daimyô- und Samurairesidenzen und der entsprechenden Infrastruktur ließen das Bauwesen explodieren. Zudem mussten die Daimyô-Haushalte mit ihren Kindern und Frauen standesgemäß unterhalten werden. Damit wuchs auch der Markt für Luxusgüter, etwa Textilien, Lackwaren oder Möbel, was erneut Handwerker aller Art anlockte. Was die Samurai an Luxus begehrten, begehrte bald auch der Rest der Stadt.

Wer in diesem florierenden Gemenge besonders profitierte, waren Händler und Kaufleute. Die erfolgreichsten unter ihnen unterhielten Fisch- und Reismärkte oder handelten mit Holz und anderen Rohstoffen. Edo wurde aufgrund des Geldes und des Angebots an Waren zur Stadt des Konsums.

Zur sehr realen Welt der Stadt gehörten aber nicht nur Bau, Handwerk und die allgemeine Versorgung, als insbesondere das Vergnügen. So wurde 1617 in Edo das erste offiziell lizenzierte Freuden- oder Vergnügungsviertel zugelassen: „Yoshiwara“. Hier war allerdings nicht nur Sex im Angebt, weshalb ich Yoshiwara auch ungern als Freudenhaus-Viertel bezeichnen will, wie es in manchen Büchern zu lesen steht. Denn neben Prostituierten und Kurtisanen, die natürlich mit sexuellen Diensten in allen Preisklassen aufwarteten, hatten auch gehobene Vergnügungen hier ihren Patz, etwa die Unterhaltung durch Geishas mit Tanz, Gesang, Duftzeremonie und Konversation. Gerade an diesen gehobenen Orten des Vergnügens galt das oberste Gebot der Eleganz. Eleganz in der Mode, in der Gestaltung der Etablissements, in der Auswahl der Getränke und Speisen, aber auch hinsichtlich Etikette, Umgangsformen und Konversation. Geishas und Kurtisanen waren gebildet, ihr Geschäft weit mehr als nur ein Beauty-Contest. Aber in Yoshiwara hatten eben auch die einfachen Häuser, Amüsierbetriebe unterschiedlichster Art und das Kabuki-Theater ihren Platz. Zu sehen war hier folglich alles, von Freizügigkeiten über Koketterie bis Eleganz. Und natürlich wurde zu all dem auch reichlich konsumiert. Sake und das Rauchen von Tabak versüßten jedem den Tag.

Doch Yoshiwara war auch der Ort, an dem sich Literaten, Dichterzirkel und Künstler trafen, um ihren intellektuellen Vergnügungen nachzugehen. Für dieses gehobene Milieu, eine Art von Boheme, stellte sich das Vergnügungsviertel folglich eher wie ein kultureller Salon für Wohlhabende dar. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Vergnügungsviertel recht egalitäre Zonen waren, die Standesunterschiede weitestgehend ausblendeten. Denn neben wohlhabenden Bürgern trafen sich auch Schauspieler und Samurai in diesen Zirkeln. Samurai mussten dort sogar ihre Schwerter ablegen. Und ja, ungeachtet der strengen konfuzianischen Lebensweise waren auch Samurai in Yoshiwara zu sehen. Das Vergnügungsviertel spielte demnach eine vielschichtige Rolle in Edo. Nur eines war für alle gleich. Man verschaffte sich Einlass nur mit Geld.

Yoshiwara galt für die Shôgunatsregierung als „schlechter Platz“. Zu viele Strukturen und moralische Regeln wurden dort schlicht und einfach auf den Kopf gestellt. Aber man tolerierte das Übel, zumal die überwiegend männliche Bevölkerung Edos dringend ein „Ventil“ brauchte. Und natürlich sah man auch schon in Edo die Härten der Stadt, etwa in Form von Armut und Überlebenskampf all jener, die weniger vom Aufschwung profitierten oder jenen, die schlicht und einfach ausgebeutet wurden. Hierzu zählten letztlich auch die Kurtisanen und Geishas. Yoshiwara hatte ganz sicher, neben allem Glanz und Glamour, auch etwas Tragisches an sich.

Doch zurück zu den normalen Bürgern Edos. Die entwickelten mit zunehmendem Frieden und zunehmendem Wohlstand mehr und mehr Selbstbewusstsein. In der Folge formten sie ihre ganz eigene städtische Kultur, die aber im Grunde eine von Zeitgeist und schlicht und einfach von wechselnden Moden geprägte Kultur war. Erwähnenswert ist aber doch, dass die „gemeinen Städter“ von der stark vertretenen Oberschicht, also dem Stand der Samurai und den Daimyô-Familien, auch einiges gelernt haben: Umgangsformen und Etikette, Wohnkultur, Kleidung und einiges an höfischen Modalitäten. Viele der klassischen Obsessionen des Kriegerstands, wie Kalligraphie, Zen- Malerei, Teezeremonie oder Blumenstecken gingen gar auf historische Praktiken des Hofes von Kyoto zurück,. All dies sickerte in die allgemeine städtische Gesellschaft ein. Die Präsenz der Oberschicht hob folglich das allgemeine Niveau in Edo ungemein an. Und doch – die mehrzahl der Samurai und die Vertreter der klassischen Kultur bemängelten die Interessen und Ausdrucksformen des Bürgertums als „ukiyo“, als Fokus auf die schlichten Freuden einer allzu „vergänglichen Welt“. Die Bürger Edos nannten diese Themen schlicht und einfach die „reale Welt“.

Die Stunde der Händler während der Edo-Zeit

Mit dem eben beschrieben Prinzip des sankin-kōtai, also die Residenzpflicht der Landesfürsten in Edo, ging eine erzwungene Trennung der Daimyô und Samurai von ihren Ländereien einher. Daimyô und Samurai waren somit weder vor Ort, um sich um den Handel mit ihren Waren zu kümmern, noch war es ihre Profession. Denn Handel zu betreiben galt nach konfuzianischen Regeln als „nieder“. Auch den Bauern war jede Form des Handels untersagt. Die logische Folge: ein Mittelsmann. Die Immobilität der Landesfürsten, der Samurai und auch der Bauern war somit die Stunde der Händler.

Händler brachten die Erträge der Bauern zu den Städtern, Dünger und Geräte zu den Bauern. Im Übrigen setzten auch die Handwerker auf die Dienste der Händler, denn sie verkauften nur selten ihre Waren selbst. Direktverkaufsläden gingen mehr und mehr zurück.

Bei den Kaufläuten ging es in der Folge um das wirklich große Geld, denn dem Geschäft mit Waren folgte bald auch das Geschäft mit dem Geld, namentlich eines ausgeklügelten Systems von Kreditvergabe an die Daimyô und Samurai. Denn die brauchten ständig Geld, um ihren Lebensstandard zu halten. Die Kaufläute nahmen eine Bankenfunktion wahr, nahmen Spargelder an, gaben Kredit, spekulierten an der Börse. Banken- Scheck- und Wechselwesen hatte sich etabliert, und waren fest in der Hand des Bürgertums. Mit dem Geld konnten sich die Kaufläute zumindest kurzfristig Macht verschaffen.

Das konfuzianische Ständesystem während der Edo-Zeit

Es wird also deutlich, dass sich in der Stadt, genau wie heute, die unterschiedlichsten Menschen versammelten. Wobei im Japan der Edo-Zeit Mensch nicht gleich Mensch war. Es herrschte ein strenges Ständesystem nach konfuzianischem Modell, das in dieser Form auch in China oder Korea verbreitet war. Demnach wurde die Gesellschaft in vier Stände eingeteilt: dem Schwertadel oder den Samurai als höchstem Stand (nur sie durften lange Schwerter tragen), gefolgt vom Stand der Bauern, der Handwerker und letztlich den Händlern. Die Angehörigen des Kaiserlichen Hofes, die Kuge, standen über diesem Ständesystem. Der eigentliche Machthaber des Landes, der Shôgun, zählte zum Stand der Samurai. Es mag vielleicht verwundern, dass die Bauern über dem Stand der Kaufleute stehen, doch nach konfuzianischer Logik ist jener von geringerem „Wert“, der seinen Unterhalt lediglich durch die Leistungen Anderer verdient, also lediglich Waren vermittelt. Bauern hingegen ernähren das Land. Und selbst der Handwerker erarbeitet seine Güter selbst.

Daneben gab es auch Menschen, die diesem Ständesystem nicht einmal angehörten. Die Rede ist von sogenannten Untermenschen, wie Prostituierten, Vertretern von unreinen Berufen oder fahrendes Volk. Jedem Stand waren qua Definition bestimmte Lebensweisen zugesprochen, die von der Morallehre bis hin zum Kleidungsstil alles umfasste. Man mag es kaum glauben, aber das Ständesystem wurde tatsächlich erst mit dem Eintritt in die Meiji-Zeit (1868 – 1912) abgeschafft.

Wie passt aber nun die „Stunde der Händler“ zu diesem strengen konfuzianischen Prinzip? Überhaupt nicht. Der finanzielle Erfolg der Kaufläute und deren damit einhergehender faktischer sozialer Aufstieg war vielen Vertretern der konfuzianischen Gesellschaftsordnung und auch den Vertretern des Shôgunats ein Dorn im Auge. All dies unterminierte die bestehende politische und moralische Ordnung und galt somit als gefährlich. Doch selbst das Shôgunat musste die Dinge beim Namen nennen. Die ständische Unterschicht besaß nun das Geld und damit auch die Schaffenskraft.

Edokko – die Bürger Edos

Und nun zu einem meiner Lieblingsthemen, den edokko oder „Kindern Edos“, wie die Bürger von Edo auch gemeinhin genannt wurden. Aber Vorsicht, ein wirklicher edokko ist nur der, der in Edo geboren wurde und seine Familie schon über mindestens drei Generationen in Edo lebt. Alle anderen Bürger einer Stadt wären als chônin zu bezeichnen, was schlicht und einfach „Städter“ heißt. Sprechen wir aber explizit von den edokko, so eröffnet sich eine völlig eigene Welt, denn der Begriff ist gespickt mit Affirmationen hinsichtlich Lebensgefühl, ästhetischem Gefühl und dem Umgang mit dem Leben an sich.

Um dieser Welt nachzuspüren, bedarf es erneut des Blicks auf das städtische Geschehen zu jener Zeit. Wie bereits zu lesen war, hatten viele Bürger Edos (natürlich nicht alle, aber allen voran die edokko) einen soliden finanziellen Wohlstand erwirtschaftet. Interessant ist dabei, dass dieser wirtschaftliche und materielle Aufschwung einfach nicht mehr zu stoppen war, ganz gleich wie vehement das Shôgunat auch versuchte, diese Dynamik einzudämmen. Das Selbstwertgefühl und die Identifikation der edokko und chônin geht auf eben diese wirtschaftliche Widerstandskraft zurück. Die Bürger definierten sich also durch ihr Geld. Die wirtschaftliche Widerstandskraft speiste Selbstwert und Identifikation von edokko und chônin. In gewisser Weise ist es damit doch auch „verständlich“, dass das Bürgertum von einem stark materialistischen Denken geprägt war.  

Daher mag es auch nicht überraschen, dass den Bürgern Edos eine ausgeprägte Großzügigkeit im Umgang mit Geld nachgesagt wurde, mehr als in anderen Städten jener Zeit. In Kyoto wurde die feine Lebensweise der höfischen Kultur weiter gepflegt, in Osaka setzte man auf Geschäftstüchtigkeit und Sparsamkeit. Die Bürger Edos aber hauten ihr Geld auf den Kopf.

Ferner wurde den Bürgern Edos ein ausgesprochener Hang zu modischen Trends nachgesagt. Rudolf Lindau beschreibt in seinen Erzählungen von 1861, wie sehr die Frauen der reichen Kaufleute Pilgerfahrten liebten, denn dort konnten sie ungeniert in ihren neuesten Kleidern aus Seide und Brokat auf den Straßen herumzustolzieren. Auch das Schminken war seit der Edo-Zeit nicht mehr nur das Privileg der Adelsgesellschaft. Die teure weiße Schminke leistete sich nun auch das Bürgertum. Die Bürger Edos waren somit wirklich auf ihr Äußeres bedacht. Und diese Form der „Oberflächlichkeit“, die hier regelrecht ins Auge springt, mag den erwähnten Historikern als vulgär aufgestoßen sein.

Sprechen wir über die Edo-Zeit, so ist dies auch die Zeit, in der das ästhetische Ideal des iki mehr und mehr an Bedeutung gewann. „Iki“ zu sein, im Sinne von chic, kokette, raffiniert, keck, und eben einfach das gewisse Etwas haben, war den Bürgern Edos, insbesondere den edokko, enorm wichtig. Gemeint ist damit aber keinesfalls eine aufgesetzte und übertrieben aufdringliche Koketterie, als vielmehr eine gehobene bis schlichte Eleganz, eine natürliche Eleganz, die jedoch ohne einen entsprechenden Geldbeutel nicht zu bewerkstelligen war. Geishas und gehobene Kurtisanen zelebrierten in jedem Augenblick ihrer Tätigkeit das Ideal des iki, was die Bürger Edos freudig imitierten. Dabei ist iki ein tiefgründiges ästhetisches Prinzip, das sowohl Äußeres als auch Aspekte des Verhaltens impliziert. Von reiner Oberflächlichkeit möchte ich daher bei iki nicht sprechen. Abzulesen ist an diesem komplexen Ideal aber doch die Skala der ästhetischen Obsessionen, die insbesondere der späten Edo-Zeit zuzuschreiben sind. Und wie gesagt, die Bürger Edos hatten in Sachen Stil und Lebenskunst auch schon einiges vom Adel gelernt.  

Insgesamt wussten die Bürger Edos demnach alles, und wirklich alles von Luxus und Eleganz zu schätzen, von Handwerkskunst, über Schmuck, Luxusartikel, Möbel, teures Papier und vielem mehr. Sie speisten das Leben im Vergnügungsviertel, besuchten Sumo-Kämpfe und die zahlreichen Festivitäten in der Stadt (matsuri). Und – man besuchte das Kabuki-Theater, denn dort ließ es sich reichlich ergötzen an ästhetischen und modischen Extravaganzen, an Ausgeflipptem, Amoralischem und Verbotenem, an all dem, was ein braver Bürger, und sei er noch so wohlhabend, am Ende eben doch nicht macht.

Interessanterweise – neben Luxus und anderen Annehmlichkeiten floss das Geld der Bürger auch in die Kunst. Der individuelle Wohlstand zeigte sich unter anderem im Ankauf von Kunstgegenständen (nicht nur jene aus der Edo-Zeit) zur Sicherung des Vermögens. Die Bürger wurden gar zu Auftraggebern für Kunst, was etwas gänzlich Neues darstellte. Vielleicht war dieser Umstand aber auch einem sehr zentralen wie banalen Aspekt geschuldet: neben dem Business und dem Vergnügen gab es für Bürger einfach kaum etwas zu tun. Von politischen oder bürokratischen Ämtern waren sie qua Stand ausgeschlossen. Aber auch jedes politisches Engagement, Äußerungen oder Einmischungen waren verboten. Die staatliche Zensur war stets präsent, wenn auch mal mehr und mal weniger. In der Folge gaben gerade die reichsten Kaufläute der politischen Elite fast nie Gegenwind, denn aus politischen Gründen ließ sich schnell ein Fall stricken, weshalb ein Bürger bestraft und das Vermögen konfisziert werden konnte. Aber was hieß das? Alles ertragen und einfach nur die Klappe halten? So waren die Bürger Edos aber nicht gestrickt. Die Menschen brauchten ein Ventil, um ihrer körperlichen und geistigen Energie Ausdruck zu verleihen und auch um Druck und Frust über die politische Einengung heraus zu lassen. Vieles an bürgerlicher Energie floss daher in Kultur und Kunst. Wie all dies aussah, dazu kommen wir noch. Fakt ist dennoch, dass das Leben der Städter ganz sicher nicht nur golden war, ein goldener Käfig war es sicherlich auch.

Aber nicht nur unter den Bürgern, auch unter den Samurai wuchs der Frust. Auch die Eliten, die unter dem Joch der konfuzianischen Morallehre und strenger Regeln standen, wollten ein freieres Leben und Denken. Der Kessel in Edo heizte sich merklich auf!

Zudem war das Leben jener Zeit, trotz des bürgerlichen Wohlstands, nicht sonderlich stabil. Die Zeiten waren nicht einfach. Klimatisch bedrohten Taifune, Stürme und Erdbeben das Land, häufig brachen Feuer in der Stadt aus und einfache Leute wurden regelmäßig gezwungen, ihre Behausungen aufzugeben, da der Platz für Daimyo-Residenzen konfisziert wurde. Der Shôgun herrschte oft willkürlich und versuchte die feudalistisch und totalitär geprägte Gesellschaftsordnung mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten. Samurai konnten ungestraft töten, wenn ihnen das Verhalten eines Niedergestellten missfiel. Kaufleute wussten aus leidlicher Erfahrung sehr genau, dass sich ihr wirtschaftlicher Erfolg durch kleine Missgeschicke oder Intrigen sehr schnell in den wirtschaftlichen Ruin verkehren konnte. Das Leben der Bürger stand demnach oft auf Messers Schneide, im wahrsten Sinne des Wortes. Ergo – man lebte im Moment. Diese Haltung des Carpe Diem ist damit nicht nur dem Buddhismus entlehnt. Unter den Bürgern Edos war es eine Haltung, die resignativ und gleichzeitig unglaublich bejahend war. Die Bürger Edos feierten das Leben vor dem jederzeit drohenden Absturz. Sie feierten im Hier und Jetzt, sie hatten das Geld dazu und sie feierten hart. Und genau dies spiegelt den sagenumwobenen Duktus der Edo-Zeit, schillernd und abgründig zugleich.

Sex, Drugs and Rock’n Roll

Gut, vermutlich muss ich Sie nun wirklich nicht mehr weiter mit der Nase darauf stoßen. Die hierverwendeten Ausdrücke und Vokabeln sprechen für sich: Wohin mit der Energie? – Der Kessel heizte sich auf – Moralkodex, Carpe Diem, Ventil, Druck, Frust.

Schlüpfen wir an dieser Stelle in die 60er und 70er Jahre Englands oder Amerikas, den Hochburgen des Sex, Drugs and Rock’n Roll, mögen ähnliche Vokabeln eine Rolle gespielt haben. Junge Menschen hatten Frust! Sie taten alles, um auszubrechen, aus der Verlogenheit der bürgerlichen Moralität und aus gesellschaftlichen Zwängen. Sex, Drugs and Rock’n Roll stand für einfach mal ausflippen, ausbrechen, sich amüsieren, das Leben genießen und sich wirklich um nichts zu scheißen. Dabei stand Sex für Emanzipation, Drugs für Rebellion und Rock’n Roll für Freiheit. So oder so ähnlich lässt es sich vielleicht knapp zusammenfassen. In jedem Fall geht es um ein Lebensgefühl, das seinen Auslass in unterschiedlichsten Formen fand, in der Musik, der Kleidung, im Lebensstil, im Sex. Ein Ventil? Natürlich – alles muss raus, Hauptsache die Eltern fangen an zu schreien! Provokation und Rebellion richteten sich in Edo nicht gegen die Eltern – sie richteten sich gegen das vorherrschende System an sich. Und nein, nicht nur die Jugendlichen hatten in Edo Frust. Wir sprechen hier eher von jedermann. Doch so unterschiedlich die Kulturen und deren Formen des Ausbruchs auch sein mögen, so sehr ähneln sie sich doch in ihrem innersten Kern: es geht um Emanzipation, Rebellion und das Streben nach einem freieren Leben.  

Nur eines noch. Ich schreibe in diesem Artikel viel von Edo und den edokko. Damit will ich aber keineswegs andeuten, dass sämtliche Kunst jener Zeit ausschließlich in Edo oder von Edo-Bürgern geschaffen oder in Auftrag gegeben wurde. Keinesfalls! Fakt ist aber dennoch, dass diese unglaubliche bürgerliche Dynamik etwas höchst Bemerkenswertes war, auch und ganz besonders im Sinne der Kunst. Wir werden gleich sehen weshalb.

Geld regiert die Welt – solange es der Shôgun nicht sieht

Sex, Drugs and Rock’n Roll – Emanzipation, Rebellion und Freiheit – wir können nur vermuten, was viele Menschen während der Edo-Zeit bewegt haben mag. Doch das Streben nach Freiheit, geistig, politisch und persönlich war offensichtlich ein zentraler Punkt. All dies zu unterbinden war das ebenso zentrale Anliegen der Shôgunatsregierung, wie auch einiger streng konservativer Verfechter der konfuzianischen Gesellschaftslehre. Aus heutiger Sicht erstaunlich: dass es den regierenden Machthabern überhaupt gelang, über einen Zeitraum von 250 Jahren die Menschen in dem bestehenden Ständesystem zu knebeln. Das Verhältnis zwischen dem Shôgunat und seiner Bevölkerung? In vielen Fällen nichts Anderes als ein zähes Ringen.  

Das Sinnbild für dieses Ringen sind für mich die sogenannten Antiluxusgesetze, oder Sparsamkeitsedikte, die Anfang des 18. Jahrhunderts von Seiten des Shôgunats erlassen wurden. Mit den Sparsamkeitsedikten zog das Shôgunat die Zügel an, um die aus konfuzianischer Sicht verkehrte Welt (reiche und einflussreiche Kaufläute und verarmter Adel) wieder zurechtzurücken. Denn diese Gesetze schrieben nun, noch strikter als bereits zuvor, jedem Stand einen bestimmten Lebensstil ganz genau vor: welche Kleidung angemessen sei, wie seine Behausung auszustatten sei, wie sein Eingangstor zu gestalten sei, welchen Schmuck man tragen dürfe, usw. Und Luxus war für alle Stände bis auf die Samurai tabu. Das Tragen von Seide, Brokat und edlen Stoffen war den niederen Ständen verboten und auch das Tragen vieler Farben, insbesondere der nach japanischer Farbenlehre „edlen“ Farben durfte nicht sein. Mehr zum Thema Farbverbote in Japan in dem Artikel Die Farbe Grau in Japan oder in The Colours of Japan. Natürlich war es den städtischen Bürgern auch verboten, öffentlich Luxusgüter zur Schau zu stellen, etwa in Form von teuren Beförderungsmitteln oder Lackgegenständen für den täglichen Gebrauch. Des Weiteren schrieb man dem Bürgertum eine spezielle Frisur zu und sie mussten sich auf den Boden werfen, wenn ein Daimyô oder der Shôgun an ihnen vorbeiging. Solche Verbote und Gebote gab es während der gesamten Edo-Zeit (auch schon vor dem 18. Jahrhundert) die mal härter, mal laxer durchgesetzt wurden.

In der Folge wurde es üblich, den Luxuszu verbergen. So trug man das Edle unter dem gewöhnlichen Kleidungsstück. Die Säume verrieten häufig, welch exklusives Untergewand unter den dezenten Obergewändern zu vermuten war. Es half also alles nichts. Wohlstand und Luxus waren einfach in der Welt. Der ausgesprochen beliebte Trend zu Wallfahrten oder kurzen Ausflügen in die ländlichen Regionen mag unter diesen Umständen noch plausibler erscheinen. Denn außerhalb Edos wurden die Antiluxusgesetze einfach weniger kontrolliert.

Geld regiert die Welt? In Grunde stimmt das schon. Die Kaufleute Japans hatten Macht, aber nur so lange, bis ihnen das Shôgunat wieder vehement einen Riegel vorschob. Im Ernstfall konnte den Bürgern das Vermögen konfisziert werden, sollten sie die Standesgesetze ignorieren. Im Grunde handelte es sich um die gleichen Strafen, die gegen politisches Aufbegehren erhoben wurden. Man ließ sich also besser nicht erwischen. Und dennoch. Am Ende waren all diese Maßnahmen nur von begrenzter Wirkung. Letztlich setze sich die wirtschaftliche Kraft und der damit einhergehende Lebensstil der Bürger Edos immer wieder durch. Übrigens, selbst in Yoshiwara griff das Shôgunat hin und wieder durch, immer dann, wenn die Dekadenz doch überzuschießen drohte.   

Wohlstand, Luxus und im gleichen Zuge auch die Antiluxusgesetze waren damit prägnante Symptome der Zeit. Das Symptom „Luxus“ zu bekämpfen, anstatt sich mit der Gesamtsituation realistisch auseinanderzusetzen, mag aus heutiger Sicht vielleicht belächelt werden. Aufgrund des Ständesystems während der Edo-Zeit war dieses Dilemma jedoch ein nahezu unlösbares Problem.

Aber sei‘s drum, es geht hier nicht darum, eine historische Abhandlung zu schreiben, als lediglich ein paar Rahmenbedingungen für das Leben zwischen 1603 und 1868 aufzuzeigen. Die plakativste Erkenntnis für mich: Menschen, die anders wollen als sie können, suchen sich ein Ventil. Und darüber können wir uns heute aus ganzem Herzen freuen, denn der bürgerliche Stand Edos fand sein Ventil, nicht nur, aber eben auch in der Kunst.

Die bürgerliche Kunst der Edo-Zeit

Die bürgerliche Kunst der Edo-Zeit – auch wenn es vilelleicht nicht zum guten Ton gehört, aber lassen Sie mich an dieser Stelle gleich eines vorweg nehmen – wir sprechen im folgenden von lebensbejahender, abgründiger und einfach genialer Kunst. Zu viele Superlative in Ihren Augen? Mag sein, aber wir begeben uns hier tatsächlich auf ein Terrain der Superlative, ein Terrain, das in meinen Augen auch wirklich einzigartg ist.

Wie also eintauchen, in dieses sagenhafte Thema? Vielleicht beginnen wir einfach mit dem Offensichtlichsten, denn was wir nach all den Ausführungen über die Edo-Zeit nun wirklich kapiert haben sollten, ist der entscheidende Umstand, dass der Treiber für Kunst und Kultur der Stand der Bürger war – aber eben auf seine Art. Die Kunst der Edo-Zeit kam somit mehr und mehr aus dem Volk, sie war für das Volk und vor allen Dingen, sie zeigte die Themen des Volks. Man kann dem Kind auch gerne einen anderen Namen geben: „Massenkultur“. Die Kunst wurde zum Medium für Jedermann.

Richtig spannend wird diese Entwicklung aber erst dadurch, dass die regierenden Machthaber diese neue Spielart der Kunst zutiefst ablehnten. Seit dem Ende der Heian-Zeit (794 – 1185) waren in Japan Kultur, Kunst und auch das ästhetische Empfinden überwiegend durch den Stand der Krieger und durch die aristokratische höfische Kultur geprägt. Buddhismus und Konfuzianismus waren maßgeblich für die Kunst, das ästhetische Empfinden stark durch Zen geprägt. Und nun sollte die Kunst einfach das Leben der Bürger zeigen, das dekadente Treiben der „Unterschicht“? Schon Vulgär, dieser Gedanke, oder nicht? Was wir demnach auch betrachten, ist ein spannungsvolles Kapitel der Kunst im Umbruch.

Die Handwerkskunst der Edo-Zeit

An dieser Stelle tauchen wir am besten direkt ein in das brodelnde, lebendige, dem Lebensgenuss zugeneigte Edo. Edokko, chônin und natürlich auch die in Edo lebenden Adeligen liebten den Luxus. Wie bereits beschrieben, florierte in diesem Umfeld natürlich das Handwerk. Jeder wollte schöne Dinge haben, vom Samurai bis hin zur Kurtisane. Selbst die Gegenstände des täglichen Gebrauchs waren von höchstem ästhetischen und handwerklichen Wert.

Ich will es hier nicht zu kompliziert machen, aber die Aussage „jeder wollte schöne Dinge haben“, vielleicht einfach nur, weil der noch reichere Nachbar sie auch hat, greift im Grunde zu kurz. Vielmehr würde ich es als ureigenen Wesenszug der Japaner bezeichnen, schönen Dingen, auch für den täglichen Gebrauch, große Wertschätzung beizumessen. Und dies verhält sich in der Stadt nicht sehr viel anders als am Land. Man könnte sagen, der sinnliche Enthusiasmus ist ein urjapanischer Wesenszug, zumindest, wenn es um die Schönheit im Detail geht. Ken Mogi macht dies etwa an der unglaublich großen Anzahl an Onomatopöien in Japan aus, an Lautsymbolik, die etwas beschreibt oder verdeutlicht. Vieles was da an Lautmalerischem zu hören ist, beschreibt ästhetisch-sensorische Aspekte, etwa teka teka, für glänzende Oberflächen, kira kira für funkelndes Licht oder gira-gira für starke Lichtquellen. Mogi schreit explizit: „Die Fülle an lautmalerischen Ausdrücken spiegelt die Bedeutung feiner sensorischer Nuancen im Leben der Japaner. Diese Aufmerksamkeit für Details hat eine Kultur genährt, in der Handwerker bis heute Respekt genießen… “. Die Handwerkskunst entwickelte sich demnach prächtig während der Edo-Zeit, zum einen, weil sie unaufgeregt und jenseits jeden Industrialisierungsdrucks gedeihen konnte (Teilabriegelung Japans), zum anderen, weil sie auf sehr fruchtbaren Boden fiel, besonders in Edo. Auch ein ästhetisiertes Lebensgefühl wie iki ist ohne diese Sensibilität für Sensorisches kaum zu erdenken.

Perfektion im japanischen Handwerk

Das Resultat: Perfektion und Leidenschaft im Handwerk mit wahrlich extraordinären Ergebnissen.Textilien, gewebt oder gefärbt, Brokat und Seide, Lackwaren von höchster Güte, Keramik nach japanischem Stil, sowohl als Gebrauchsware als auch im künstlerischen Sinne. Wir sprechen von exklusiven Holz- und Bambusobjekten, Papier, Farbholzschnitten, Möbeln, kleinen Luxusobjekten wie Inrô oder Netsuke, Messern, Schwertern, Metallarbeiten und vieles mehr. Yanagi Sôetsu, der sich mit folk krafts, also mit den alltäglichsten handgefertigten Gegenständen beschäftigte, besingt selbst deren unglaublich hohen Anspruch an Ästhetik und Qualität. Dieser Fakt geht, neben dem Momentum des Friedens, auch auf die hohe Konkurrenz unter den Handwerkern in Edo zurück. Handwerkliche Gegenstände mit sehr lokalen Eigenheiten wurden während der Edo-Zeit aber im ganzen Land produziert, auch hier weitestgehend ohne kulturelle Einflüsse von außerhalb Japans. Außerdem – was noch hinzu kam, Edokko und chônin wussten das Schöne nicht nur zu schätzen, sie öffneten dafür auch großzügig ihre prall gefüllten Börsen.

Zugegeben, das Thema Handwerk hat auf den ersten Blick nicht besonders viel mit Sex, Drugs and Rock’n Roll zu tun. Es ist „lediglich“ der Ausdruck einer inspirierten Zeit, der florierenden Stadt und des stil- und ästhetikbewussten Lebens in Edo. So weit so gut. Doch die handwerklichen Güter hatten durchaus etwas mit dem Luxus zu tun, der dem Shôgun und der herrschenden Klasse so gar nicht passte, zumindest nicht in den Händen der Bürger. Denn vieles an Raffinesse, Glamour und Strahlkraft der Edo-Zeit hatte am Ende ganz erheblich mit dem Handwerk zu tun. Denken wir demnach an die Antiluxusgesetze, so ging der Besitz von Luxusgütern schlicht und einfach mit dem Brechen von Gesetzen einher, zumindest für die Bürger. Die aber lebten ihren Luxus, ob offensichtlich oder im Verborgenen und versuchten die lästigen Gesetze zu umgehen wo immer möglich. Im weiteren Sinne sprechen wir also doch von Emanzipation und Rebellion gegen das streng konfuzianische System. Auch wenn es zunächst seltsam klingt, dass schöne oder luxuriöse Dinge der Rebellion dienen können – aber doch, sie waren ein wichtiger Aspekt in dem Dreiklang von Emanzipation, Rebellion und Freiheit.

Mehr zum Thema Kunst und Handwerkskunst in Japan in dem Artikel Kunst aus Japan – einfach – schön.

Das Kabuki-Theater während der Edo-Zeit

Weitaus frivoler wird es, wenn wir uns mit der Theaterform beschäftigen, die die Bürger Edos mit großem Genuss frequentierten. Gemeint ist dabei aber keinesfalls das streng ritualisierte No-Theater, als vielmehr das Kabuki-Theater, das scheinbar frei von jeglichen moralischen, sittlichen, oder gesellschaftlichen Zwängen zu sein scheint.

Before I die I wanna suck your wonderful perfect dick“. Ja, hatte mich auch gewundert, als ich Sätze wie diese im Kabuki-Theater in der Übersetzung eingespielt bekam. Und es war keine edle Dame, die das ihrem Liebhaber zuflüsterte, es war ein Edelmann.

Das Kabuki stand in der Edo-Zeit für das aus dem Rahmen fallen, das aus der Reihe tanzen, ausgeflippt sein, Normen sprengen, aber, wie zu erwarten, weniger im politischen Sinne, als vor allen Dingen sittlich und – modisch. Zudem sind die Inhalte der Kabuki-Stücke nicht gerade auf literarisch höchstem Niveau zu verorten. Die Stoffe waren zum Teil historischer Natur, überwiegend aber Melodramen, Geschichten über Ausschweifungen in Yoshiwara, Geschichten über verfeindete Klans, Mord, Erpressung, Laster und Verbrechen. Witzig: Es gab die vielfältigsten Kategorien an Bösewichten, den noblen Bösewicht, den lustigen Bösewicht, den sexi Bösewicht und viele mehr. Nach Kabuki-Aufführungen wurde im Publikum gerne darüber diskutiert, ob wohl genügend aku, also Böses oder Bösartigkeit bei der einen oder anderen Figur mit im Spiel war.

Erotik, eine poetisch bis derbe Sprache, verbotene Liebe, Kontakte zur Unterwelt – das war es, was die Menschen interessierte. Edo-Trash? Und es geht noch weiter. Auf der Kabuki-Bühne wurde einfach schamlos zur Schau gestellt, was den Menschen im normalen Leben verboten war, allem voran mal wieder der Luxus. Das „modische aus dem Rahmen fallen“ war im Kabuki-Theater eine wahre Lust, denn die Kostüme waren so extraordinär und prächtig, dass selbst der Adel so etwas Luxuriöses nie getragen hätte. Die Gewänder waren extrem auffallend, mit überlangen Ärmeln und Säumen, mit prächtigen Farben und Mustern, Lagen über Lagen an edelstem Stoff. Das Kabuki war folglich der unumstrittene Trendsetter in Sachen Mode. Allerdings gab es zwei entgegengesetzte Tendenzen. Die Neigung zum Exzess an Sinnesgenüssen und die Tendenz zur edlen Verfeinerung des Geschmacks, zum Maß der Dinge in Sachen Stil, was wiederum das sensorisch sensible Japan ansprach. Nur Nacktheit war im Kabuki-Theater nicht zu sehen, denn Erotik beginnt in Japan da, wo etwas verdeckt, nicht entblößt ist.

Im Wesentlichen ist das Kabuki aber eine Aneinanderreihung von Eye-catchern. Die prächtige weiße Schminke und die auffallende Gesichtsbemalung verzauberten die Schauspieler in wahre Kunstwerke, oder sagen wir besser in „Kunstobjekte“. Auch die Bühnenbilder verkörperten Extravaganz. Es musste immer alles außergewöhnlich sein, mit Drehbühnen, Hebebühnen, Schauspielern, die an Seilen über die Bühne schwebten und vieles mehr.

Die Kabuki-Schauspieler selbst galten als Sexsymbole ihrer Zeit, wobei an dieser Stelle ein klitzekleines Detail erwähnt werden muss. Die Schauspieler des Kabuki-Theaters waren seinerzeit, und sind es noch heute, ausschließlich Männer, die auch die weiblichen Rollen besetzten. Dennoch wurden sie von Männer und Frauen gleichermaßen verehrt, obwohl sie nicht einmal dem ständischen System angehörten. Sie zählten zur geächteten Klasse der Untermenschen. Sehr häufig waren Kabuki-Schauspieler auch männliche Prostituierte. All dies machte sie scheinbar unwiderstehlich und am Ende natürlich auch zum beliebten Klatschthema.  

Luxus, Exzess, Sittenlosigkeit, Raffinesse – die Menschen gingen ins Theater, aber nicht nur um sich zu amüsieren, es war auch Protest. Nirgendwo sonst war es möglich, Sex, Drugs and Rock’n Roll so frenetisch zu feiern wie im Kabuki. Die Antiluxusgesetze wurden auf der Bühne gebrochen bis zum Abwinken und das Publikum ergötzte sich schaudernd daran. Für das Shôgunat waren diese Aufführungen wirklich die kumulierte Anti-Welt. Zwar galt das Kabuki, ebenso wie ganz Yoshiwara, als künstliche, nicht reale Welt, in der man die Menschen gewähren ließ. Aber auch das Treiben auf diesen „tolerierten Spielwiesen“ hatte seine Grenzen, zumal sich auch immer wieder politische Sticheleien in die Stücke einschlichen. Schossen aufmüpfige Reden, Luxus und Dekadenz über das Ziel hinaus, wurde die Zensur immer wieder durchgesetzt. Gelegentlich wurden Schauspieler wegen Verstößen gegen die Antiluxusgesetze auch wirklich hart bestraft. Aber was soll’s, die Menschen störte das wenig. Das Kabuki-Theater war ihr Ventil, das Ventil jener Menschen, die finanziell vielleicht gekonnt hätten, aber bei weitem nicht so durften wie sie wollten. Und natürlich muss man auch beim Kabiki-Theater attestieren, dass es der Ausdruck einer sich im Frieden befindenden, nach Leben gierenden Gesellschaft war.

Insgesamt war das Kabuki ein Theater für jedermann, also für alle, die sich eine Karte leisten konnten. Jeder Stand war willkommen. Auch die Samurai, die sich ja reichllich in Edo aufhielten, hätten durchaus Einlass gefunden. Doch weite Teile der Eliten rümpften die Nase über dieses Lebensgefühl, das, wie bereits beschrieben, als ukiyo bezeichnet wurde – das Genießen der vergänglichen Genüsse und der vergänglichen Welt. Dabei war die Kunst des Schauspiels an sich auf hohem Niveau, die Techniken des Ausdrucks verfeinert bis ritualisiert. Die besten Schauspieler wurden nicht nur wegen der Kostüme, sondern auch wegen ihrer Kunst gefeiert. Heute gibt es noch immer glühende Verehrer des Kabuki-Theaters. Warum? Weil in dieser Theaterform der Sinn für die einzigartige Schönheit des historischen Japans konserviert wurde. Wer heute noch die Romantik der Edo-Zeit erleben will, besucht das Kabuki-Theater, wie es etwa Alex Kerr in seinem Buch Lost Japan beschreibt. Kabuki ist „der“ Ausdruck der Edo-Zeit, eines Japans, das sich, wie schon mehrfach betont, ohne nennenswerte fremde Einflüsse selbst kultivierte.

Ukiyo, die vergänglichen Freuden der Theaterwelt, gingen eins zu eins in einem Medium auf, das zum Spiegel all dieses wunderbaren Treibens wurde, den Ukiyo-e. Ukiyo-e sind Farbholzschnitte mit dem klingenden Namen „Bilder der fließenden Welt“. Sie fanden reißenden Absatz – und nun raten sie weshalb…

Ukiyo-e, die Bilder der fließenden Welt

Ukiyo-e, also Farbholzschnitte mit den Motiven der vergänglichen Welt – betrachtet man die Entwicklung dieser Werke genauer, gewinnt man den Eindruck, ganz Edo hätte nur auf dieses Medium gewartet. Das Ganze war ein absoluter Boom, allerdings einer, der sich auch über ein sehr pragmatisches Merkmal erklären ließ – über den Preis. Hishikawa Morinobu (1618-1694) übertrug erstmals die gemalten Ukiyo-e (der Ursprung dieses Genres) in das multiplizierbare Medium Druck, eine wesentlich günstigere Ausdrucksform als die Malerei. Farbholzschnitte waren für einen Preis von ca. 20 Mon, den Preis für eine Schüssel Nudeln, zu haben, ganz anders als die Kunst im Rimpa Stil, der traditionellen Tosa-und Kanô-Schulen oder der Yamato-e (Liste beliebig fortsetzbar). Entsprechend dienten sie auch sehr pragmatischen Zwecken: Unterhaltung, Information, Werbung oder als Mitbringsel von Reisen. Natürlich hatten die Bürger Edos einen lockeren Geldbäutel, aber wenn es auch günstiger geht, warum nicht?

Ein weiterer Grund für den Boom: Ukiyo-e zeigten alles, was den Menschen ausmacht, vor allen Dingen den Städter, also die Bürger Edos oder Osakas. 2/3 der Farbholzschnitte waren dem Thema Kabuki-Theater, Szenen aus dem Freudenviertel und Sex gewidmet. Also alles was den Menschen ausmacht? Vielleicht nicht alles, aber ja, es nähert sich dem Leben mancher wohlhabender Bürger durchaus an.

Ukiyo-e und das Kabuki-Theater

Wie bereits erwähnt, bot das Kabuki-Theater den Stoff, nach dem die Menschen regelrecht verrückt waren. Ein perfekter Augenaufschlag vom sexy Bösewicht und das Publikum rastete aus – zumindest auf seine Weise. Klar, dass sich Blätter mit diesen Motiven auch hervorragend verkauften. Die beliebtesten Schauspieler wurden folglich bis zum Abwinken zu Papier gebracht – in ihren imposantesten Posen, mit beeindruckender Gesichtsbemalung und dem Edelsten, was die Schneider auf die Bühne brachten. Ukiyo-e zeigten Stil und Eleganz. Folglich könnte man Ukiyo-e auch als Starplakate und Modeblätter der Edo-Zeit bezeichnen. Aber auch die glamourösen Bühnenbilder wurden gerne gedruckt.

Kabuki Actor Ishikawa Danzô IV – 1770’s- Katsukawa Shunshô – The Met open Access art

Kabuki Actor Ôtani Jiroji III – 1780’s- Katsushika Shunsen – The Met open Access art

Spektakuläre Kabuki-Blätter gingen durch alle Hände. Sie rotierten förmlich unter den Kabuki-Fans. Und sie dienten der Werbung für aktuelle oder kommende Stücke. Damit waren Ukiyo-e Modeblätter, Werbeplakate und Handzettel aber auch einfach Bilder, die gerne verschenkt und gesammelt wurden, denn deren Machart war aufwändig. Sie waren einfach schön. Dabei galten die Darstellungen aus dem Kabuki immer auch als Milieu-Blätter, waren deren Helden und mit ihnen alles was sie verkörperten doch von äußerst zweifelhaftem Ruf. Und wir hatten es ja schon, genau dies machte den Reiz der Kabuki-Blätter erst aus. Das Kabuki sowie die entsprechenden Ukiyo-e standen für ein und dasselbe Streben: das radikale Brechen von Normen. Schließlich sprechen wir hier von gedrucktem Sex, Drugs and Rock’n Roll – von den Bildern der absoluten „Anti-Welt“. Es muss für die Bürger Edos ein unverschämtes Vergnügen gewesen sein, diese in sich schon provokanten Bilder zu teilen und sich daran zu erfreuen.

Vermutlich wird es Sie nicht überraschen, dass die Zensur für jedwede Form von Farbholzschnitten durchaus organisiert war. Die zahlreichen unterschiedlichen Zensurstempel auf den Drucken geben Aufschluss über eine ausgeklügelte Zensurlandschaft. Und sie griff durchaus ein. Ein gewisses Maß an Ventilfunktion wurde ja immer zugelassen, aber nicht so viel, als dass die Rebellion, gestützt durch „entgleiste Medien“, Überhand nehmen konnte. 

Dennoch beschäftigten sich beinahe alle großen Ukiyo-e Künstler mit dem Kabuki-Theater. Mein Favorit ist Utagawa Kunisada. 

Auf den Blättern der Kabuki-Drucke ist damit weit mehr zu sehen, als Schönheit und farbenprächtige Ausdruckskraft. Wie sehr sie allerdings in die „vulgäre“ Eitelkeit abdriften und zum Medium der Rebellion avancierten, verrät uns letztlich nur die Historie, also der Kontext.

Shunga – Pornographie in der Edo-Zeit

Shunga scheinen auf den ersten Blick die noch größeren Player zu sein, wenn es um Sex, Drugs and Roch’n Roll geht. Dabei sind Shunga, im Sinne der Rebellion, sogar unschuldiger und lustiger, als viele Farbholzschnitte aus der Kabuki-Welt. Denn hier geht es „einfach nur um Sex“ – halb so wild – aber Sex gab es eben reichlich zu jener Zeit. 

Sex war schon immer ein recht zentrales Thema in Japan und geht bis in die Mythologie des Landes zurück, wo die Götter all die Gottheiten des Shintoismus erst einmal zeugen mussten. Tatsächlich hatten die Menschen in Japan bis in das späte 19. Jahrhundert eine sehr ungezwungene und offene Haltung gegenüber Sex, Nacktheit und dem eigenen Körper. Vielleicht geht darauf auch der blumige, beinahe unschuldig klingende Name „Shunga“ zurück. Shunga heißt übersetzt Frühlingsbilder.

Shungas by Kitagawa Utamaro
The Met open access art

Sex war in jedem Fall nicht Bierernstes und so zeigen Shunga auch Posen und Stellungen, die eigentlich anatomisch schlicht unmöglich sind. Es heißt, den jungvermählten Paaren wurden von den Eltern zur Hochzeitsnacht gerne ein paar verrückte Shunga überreicht. Der Spaß der Eltern – sich vorzustellen, wie sich die Jungvermählten verrenken würden, um die Stellungen nach allen Regeln der Kunst auszuprobieren. Auffallend auch – die übergroßen Penisse der Männer. Die hätten sie wohl gerne gehabt. Das Ganze war keinesfalls ohne Ironie und wohl einfach zum Lachen. Humor gehörte zu Shunga fast immer dazu.

Auch das Spiel mit den Geschlechtern war mehr als liberal im alten Japan. Sex zwischen Männern und Frauen, Männern gekleidet wie Frauen und umgekehrt war Teil des Vergnügens. So zeigen Shunga allerlei Lustbarkeiten, von Orgien über homoerotischen Sex, mit Hilfsmitteln oder ohne, alles war geboten. Wissen Sie vielleicht, was ein Tausendfüßler ist? Lassen Sie Ihre Phantasie mal schweifen.

Auch zum Thema Shunga sei dem bereits erwähnten Hishikawa Morinobu gedankt, der die Motive der erotischen Malerei in den Druck überführte. Die einst teuren handgemalten Shunga standen als gedruckte Massenware nun endlich einem großen Publikum zur Verfügung und wurden sogar in Buchhandlungen verkauft. Shunga waren wirklich bei jedem beliebt, in allen Ständen, bei Männern wie Frauen.   

In den Augen des Shôgunats interessierten sich die Leute irgendwann einmal ein bisschen zu sehr für die Shunga, so wurden diese 1722 verboten. De fakto wurden sie aber weiter munter produziert und konsumiert. Den Spaß wollte sich niemand nehmen lassen. Wirklich nicht. Somit bot das Shôgunat nur eine weitere Steilvorlage, sich über Verbote und Zensur hinwegzusetzen.

¼ aller Ukiyo-e der Edo-Zeit waren Shunga. Das ist eine beeindruckende Menge. Zudem sind sie von hohem künstlerischen Wert. Alle Top-Künstler der Zeit, etwa Hokusai, Utamaro oder Hiroshige zeichneten Shunga, denn Pornographie gehörte zum Leben und war lukrativ. 1868 wurden Shunga, nach mehreren Anläufen, dann wirklich unterbunden. Japan wollte im Zuge der Öffnung des Landes nicht als rückständig, weil nur an Sex interessiert, dastehen. Heute wird Sex als Tabu gehandelt. Dennoch gibt es unendlich viele Pornhubs und Porno-Mangas – nicht viel anders als früher, nur weitaus verschämter. Shunga als Zeichen der Emanzipation und Rebellion? Ja und nein. Shunga gehörten einfach zur persönlichen Freiheit. 

Ukiyo-e und die Vergnügungen der Edo-Zeit

Neben den erotischen Freuden gab es noch zahlreiche weitere Motive, die das süße Leben der Edo-Zeit dokumentierten. Ich meine die vielen Drucke mit Szenen aus dem Freudenviertel, etwa das Wirken und Treiben der Geishas oder der Dichterzirkel, Darstellungen von praktizierten Künsten wie Tanz, Duft- oder Teezeremonie und Unterhaltung im Allgemeinen. Wollten die Menschen das wirklich sehen? Unbedingt. Gerade diese Druckwerke dienten der Selbstvergewisserung und der Emanzipation. Sie waren der selbstbewusste Ausdruck der erstarkten edokko und chônin, die sich eben dieses süße Leben auch leisten konnten. Für Künstler und Verleger war der Vertrieb dieser Drucke damit durchaus lukrativ.

Ukiyo-e und Sake

Eine Vergnügung der Edo-Zeit, die beinahe in jedem Lebensbereich zum Tragen kam, war der Genuss von Alkohol, namentlich Sake. Sake ist „das“ alkoholische Getränk der Edo-Zeit und hat tiefgehende kulturelle Wurzeln, wird er doch aus dem heiligen Rohstoff gebraut, der das gesamte Land ernährt: Reis. Daher wird Sake auch zu allen nur erdenklichen Anlässen getrunken, zum Zelebrieren der Jahreszeiten, zum rituellen Start in das neue Jahr, zur Hochzeit, in der Izakaya (Kneipe), im Theater, im Vergnügungsviertel, in der Natur, Sie wollen gar nicht wissen wo noch. Sake wird getrunken, um „gute Bande zu den Göttern zu schmieden“… und eben auch sonst. Ukiyo-e zeigen daher eine Vielzahl an Szenen, in denen Sake und der zu erwartende Rausch danach eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Ich denke da an Bilder aus dem Kabuki-Theater, wo das Publikum munter vor sich hin pichelt, an Szenen von Trinkwettbewerben, von Trinkgelagen unter Kirschbäumen oder von Trinkgelagen an den zahlreichen Ausflugszielen jenseits von Edo. Wollten die Menschen auch das sehen? Jawohl, war doch auch das ein Ausdruck ihrer im kleinen erschlichenen Freiheit und Unbekümmertheit, auch das ein Ausbruch aus dem allzu strengen konfuzianistischen System. Und natürlich, auch dies sind Motive einer friedlichen Zeit, wo sich die Menschen überhaupt erst unbekümmert gehen lassen konnten.

© The Shunga Shop

Sex und Sake gleichzeitig? Klar, auch das ist möglich. Warum auch nicht. Vermutlich schwant uns nun mehr und mehr, weshalb die Historiker Japans keine Lust hatten, sich mit den vulgären Auswüchsen der Edo-Zeit zu beschäftigen. Edo-Trash? Tja gut, manchen Dingen muss man wohl doch ins Auge sehen.

Ukiyo-e und die Sumo-Welt

Andere beliebte Motive kamen aus der Sumo-Welt. Sumo-Ringer waren ebenso verehrte Idole wie Kabuki-Schauspieler. Die entsprechenden Drucke beförderten den Starkult und verkündeten von anstehenden Kämpfen. Die Sumo-Welt ist eine ganz und gar eigene, intensive und glanzvolle Welt, die die Bürger faszinierte und sich entsprechend gut vermarkten ließ. Und Sumokämpfe waren nicht wegzudenken aus dem breiten Angebot an kostspieligen Vergnügungen der städtischen Welt, die die Bürger konsumierten.

Sumo wrestling – Utagawa Kuniteru – 19th century – The Met open access art

Ukiyo-e und Geistergeschichten

Ebenfalls ausgesprochen populär: Geistergeschichten. Es gibt eine aberwitzige Menge an Geistergeschichten in Japan. Auch im Theater waren diese Stoffe der reinste Knaller. In Edo wurden sogar Schaubuden mit Toten, Skeletten oder vermeintlichen Geister aufgestellt, um das Publikum, gegen ein paar Mon, mit gruseligen Attraktionen zu locken. All dies wurde über das Medium Ukiyo-e vervielfältigt und natürlich verkaufte sich auch diese Art von skurrilen Sensationsdrucken ganz hervorragend. Das Ganze hat vielleicht nicht viel mit Sex, Drugs and Rock’n Roll zu tun, aber für meine Begriffe doch mit einer gewissen Art von „seltsamer Dekadenz“. In jedem Fall ist es ein interessanter Spiegel der Zeit.

Bijin-ga – Ukiyo-e von schönen Frauen

Wenn wir schon von Spiegeln sprechen, kommen wir um ein weiteres interessantes Ukiyo-e Genre nicht herum: Bijin-ga oder die Bilder von schönen Frauen. Dabei handelt es sich um Bilder von jungen hübsche Damen, elegante edel gekleidete Damen, Damenrunden und andere weibliche Konstellationen, womit aber zunächst einmal nichts Anrüchiges verbunden war. Die Frauenbildnisse waren oft gemeinsam mit einem Gedichten abgedruckt, das ihnen gewidmet war. Aber – die eigentlich harmlosen Bildnisse zeigten manchmal kleine pikante Details. So gab etwa die Weite des Kragens, der den weißgeschminkten Nacken der Dame freigab, Aufschluss über die Freizügigkeit dergleichen, und zwar in Liebesdingen. Pikant insofern, als dass die abgebildeten Damen in ganz Edo und auch darüber hinaus bekannt waren. Mit Erotik wurde demnach auch bei den Bijin-ga nicht gegeizt, etwa in Form von entblößten Fußfesseln, ein durchaus erotisches Signal in Edo-Japan, oder in Form von roten Bändchen, die in manchen Haarputz der Damen am Hinterkopf eingeflochten waren. Was die Herren in dem roten „Schlitz“ im Haarknoten der Damen wohl sahen … So oder so, man hatte etwas zu tratschen.

Das wichtigste und interessanteste aber war, wie zu erwarten, was die Damen trugen. Vom Kimono bis zum Haarschmuck wurde alles kommentiert. Noch beliebter waren die Drucke von den ebenso schönen und noch aufwendiger gekleideten Geishas, deren Profession es ja war, durch Liebreiz, Tanz und Konversation zu unterhalten. Was sie trugen, wie sie sich schminkten, wurde unweigerlich zum Modetrend.

Noch aufwändiger herausgeputzt waren nur mehr die Kurtisanen, die mit ihrem aufgedonnerten Äußeren allerdings klar für körperliche Freuden warben. Und spätestens hier kommt wieder die Zensur auf’s Tablett, den die bekannte Gleichung lautet: Protz + Luxus + auffällige Farben = Provokation. Und Kurtisanen waren herausgeputzt! Auf den Farbholzschnitten von berühmten Kurtisanen war meist der Name des Hauses abgedruckt, für das sie tätig waren. Verleger werden „vermutlich“ nicht unerhebliche finanzielle Zuwendung von den jeweiligen Etablissements bekommen haben. Was für ein Geschäft. Im Fall von Geishas und Kurtisanen sprechen wir also wieder von Werbeplakaten oder Handzetteln in eigener Sache, für Künstler also in doppelter Hinsicht ein gutes Geschäft. In jedem Fall bewegen sich auch die Bilder von schönen Frauen ganz fließend zwischen edlen Damen und der fließenden Welt.

Einige Künstler, die ihre Bestimmung in den Bijin-ga gefunden hatten, waren etwa Utamaro oder Harunobu.

Ukiyo-e – Bilder aus und rund um Edo

Aber es gab auch Farbholzschnitte über weniger aufregende oder aufreizende Themen. Gemeint sind einfach Bilder von interessanten Orten, städtische Szene von Edo oder Landschaften. Diese Drucke zeigen einfach beliebte Orte innerhalb Edos aber auch Orte, wo begüterte edokko und chônin mit großem Enthusiasmus hin pilgerten. Wie eingangs beschrieben, war das Reisen unter den städtischen Bürgern ja sehr in Mode. Zahlreiche Ukiyo-e zeigen daher das ungenierte, oder sagen wir besser, das zügellose Amüsement jenseits der Tore und Regeln Edos. Beliebte Motive innerhalb Edos waren natürlich Yoshiwara, der Fischmarkt, oder die belebte Nihonbashi-Brücke. Auch an diesen Orten spielte gehörig die Musik. Hier wurde gelebt!

Evening glow at Nihonbashi – Keisai Eisaen
– The Met open access art

Und – diese Drucke zeigen auch das, was in dem Kapitel zum japanischen Handwerk beschrieben wurde. Die schönen Textilien, die Lackutensilien, der teure Haarschmuck, der Luxus, alles war da. Besonders eindrucksvoll zum zum Teil die Drucke über Yoshiwara. Hier sind es die Details, die verraten, wie herausgeputzt dieses Viertel war, die zweistöckigen eleganten Stadthäuser, Lampions, die zu Festivitäten einladen, Kirschbäume und Weidenbäume (letzteres ein Symbol für Prostitution), die die Straßen zieren, Kurtisanen die sich dem staunenden Publikum präsentieren. Die Bildnisse von Yoshiwara zeigen die Pracht und Schönheit einer ganz eigenen Welt, mitsamt ihren Gefühlen und Träumen, Träume die jedoch nicht dafür gedacht waren, je in Erfüllung zu gehen.

Yoshiwara – Utagawa Hiroshige
Early evening in Yoshiwara inn –
The Met open access art
Yoshiwara Yo Zakura ca 1840 – The Met open access art

Beispiele für Farbholzschnitte von interessanten Orten sind etwa die 100 berühmten Ansichten von Edo, die 36 Ansichten des Berges Fuji, die 53 Stationen des Tôkaidô, oder Drucke von anderen „exotischen“ Plätzen. Ganz nebenbei sei erwähnt, dass diese Drucke auch eine Natur zeigen, die während der Edo-Zeit noch intakt, reichhaltig und üppig war, selbst innerhalb Edos. Von begradigten Flüssen oder betonierten Küstenabschnitten, wie wir sie heute aus Japan kennen, konnte zu Edo-Zeiten noch keine Rede sein. Aus diesen Drucken zirpen die Vögel und die Zikaden und die Hähne krähen, selbst in der Millionenstadt Edo. Man kaufte diese ansprechenden Drucke wie Kalenderblätter oder Ansichtskarten, manchmal auch als Reiseersatz. Aber auch Tier- und Pflanzenbilder, die einfach nur schön waren, erfreuten sich großer Beliebtheit. Die Bürger liebten all diese Drucke, nochmals, als Spiegel ihrer üppigen Welt.

Ukiyo-e waren, wie eingangs erwähnt, nicht Teures. Die Preise waren üblicherweise gestaffelt auf 16, 18, oder 20 Mon. Ein unglaublich günstiger Preis, bedenkt man, dass es sich meist um wirklich aufwendige Vielfarbendrucke (nichiki-e) handelte, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts als state of the art galten. Und vermutlich ahnen Sie, worauf ich mal wieder hinaus will. Selbst wenn wir uns nicht einmal mit den Motiven, als lediglich mit der Machart der Ukiyo-e beschäftigen, kommen die Antiluxusgesetze ins Spiel. Die dünnhäutige Shôgunatsregierung verbot, mehr als 20 Mon für Farbholzschnitte zu verlangen, mit dem Ziel, die kostspieligeren, weil aufwendigen Vielfarbendrucke, zu unterbinden. Sie verstießen schon aufgrund ihrer exklusiven und raffinierten Machart gegen die Antiluxusgesetze und wurden zeitweise sogar gänzlich verboten. Unglaublich, aber ja…

All diese Anekdoten verdeutlichen damit, dass Ukiyo-e in den Augen des Shôgunats einfach eine Provokation waren. Und wie gesagt, damit ist in keinem Fall nur der Sex gemeint. Die Darstellung der selbstbewussten Städter zeigt deren zumindest punktuelle Überlegenheit gegenüber dem verarmten  Schwertadel. Sie sind eine Provokation, denn sie stehen für die „verkehrte Welt“.

Ukiyo-e sind damit wirklich eine gänzlich neue Entwicklung in der japanischen Kunst. Sie entwickelten sich zu „dem“ Medium für Sex, Drugs and Rock’n Roll der bügerlichen Welt. Damit sind sie von „Volkskunst“ weit entfernt, von elitärer Kunst aber eben auch.

Aber Vorsicht, aus heutiger Warte neigen wir dazu, Ukiyo-e ganz selbstverständlich als Kunst zu bezeichnen. Zu Edo-Zeiten war dies aber ganz und gar nicht der Fall. Ukiyo-e waren einfach pragmatische, unterhaltsame Produkte für die Massen. Wenn es sein musste, wurde in billige Ukiyo-e auch schon mal der Fisch eingewickelt. Zudem galten sie im besten Sinne als Handwerk, denn sie wurden zwar von einem Künstler entworfen, aber von Handwerkern (Holzschnitzer, Drucker etc.) zur Ausführung gebracht. Auch nach Janagi Soetsus Definition wären Ukiyo-e Handwerk: Werke mit weitgehend unterhaltender oder kommerzieller Funktion, frei von Kontemplation oder dem Streben nach individueller Verewigung von Seiten des Künstlers. Heute muss man sagen, gleich ob wir nun von Kunst oder Handwerk sprechen, dass Ukiyo-e eine große künstlerische Leistung sind, ein Gemeinschaftsprodukt von Künstler, Handwerkern und Verlegern. Es sind wunderschöne, hochwertige, authentische Objekte, die während der Edo-Zeit ihrer Blüte erfuhren.  

Mehr zur Geschichte des Drucks in dem Artikel Printed Japan – Japanische Druckgrafik

Bücher und illustrierte Bildbände der Edo-Zeit

Es lohnt sich, an dieser Stelle noch ein Wenig bei den gedruckten Erzeugnissen der Edo-Zeit zu bleiben. Wichtig ist in diesem Kontext, dass Buchhändler und allen voran die Verleger eine gesellschaftlich bedeutende Rolle innehatten. Verleger brachten eine Vielzahl an unterschiedlichsten Druckwerken heraus, von Büchern und Farbholzschnitten über Produkt- oder Musterkataloge zu anderen kommerziell genutzten Druckwerken, etwa Hand- oder Werbezettel für Geschäfte, Trinklokale oder Restaurants. Die Verleger der Edo-Zeit brachten damit, wie zu erwarten, neben rein kommerzielen Produkten auch Ideen und Meinugen in die Welt – und ja – tatsächlich auch kritische Meinungen, wenn es sein musste.

Zunächst aber war jedem Verleger der eigene Geldbeutel das Nächste. Ein großer Markt waren tatsächlich Bücher, denn viele Menschen in Edo konnten lesen. Das Angebot war entsprechend groß, von aufklärenden und belehrenden Romanen über Essays bis hin zu Scherzgedichtbänden. Am besten verkauften sich Bücher mir erotischem Inhalt oder Ratgeber mit praktischen Lebenstipps. Kommt Ihnen auch heute noch bekannt vor? Nun… Womit sich in Edo noch gutes Geld verdienen ließ, waren die sogenannten Yoshiwara-Führer. In diesen Heften wurden alle Freuden- und Teehäuser mit aufwändigen Illustrationen aufgeführt sowie die Namen und Ränge der dort tätigen Kurtisanen verzeichnet. Die Karrieren einiger einflussreicher Verleger in Edo, etwa die von Tsutaya Jûzaburô, begannen mit diesen profanen Druckwerken. Die Erotik war aus Edo-Japan eben einfach nicht wegzudenken.

Doch bleiben wir gleich in Yoshiwara. Denn neben allen körperlichen Genüssen war Yoshiwara auch der Ort, wo Ideen und Impulse für neue Werke entstanden, wo sich Literaten, Dichter und sonstige Eliten trafen und eben auch die Verleger. Und nochmals, Yoshiwara war tatsächlich ein halbwegs egalitäres Milieu. In den besagten literarischen Zirkeln trafen sich einfach alle, die das Zeug dazu hatten, literarisch mitzuhalten. Der Stand spielte keine Rolle. Der Zutritt war selbst Frauen gestattet. Ihr gemeinsamer Nenner – sie alle suchten einen Weg, sich einmal ganz gehörig Luft zu machen. Denn im Grund wurden alle Menschen während der Tokugawa-Regierung durch strenge Gesetze, das Ständesystem und konfuzianische Morallehren gegängelt und in ihrer Freiheit beschnitten. Wir sprechen hier also von den Schattenseiten der Abschottung Japans, wo humanistische Gedanken kaum Einzig in den gesellschaftlichen Konsens fanden und somit die konfuzianische Morallehre immer weiter durchgestzt wurde.

Es waren aber nicht nur die Bürger, die ein Ventil suchten. Auch unter den Intellektuellen des Schwertadels brodelte es, denn die Samurai mussten im Grunde noch striktere Verhaltenskodi einhalten als alle anderen. Ob Bürger, Bauer oder Adel, alle wollten ein freieres Leben. Und die Verleger unterstützen diesen Drang mit ihren Druckwerken, obwohl sie mit empfindlichen Strafen rechnen mussten, vom Konfiszieren ihrer Güter bis zum Berufsverbot.

Interessante und sehr populäre Genres waren in diesem Zusammenhang die sogenannten „Gelben Bücher“. Deren Inhalte: ein für Erwachsene bestimmter anspruchsvoller Humor, aber nicht nur spöttisch und gesellschaftlich bissig, sondern tatsächlich auch politisch kritisch. Noch bissiger, aber besonders in Mode, waren seit der Mitte des 18. Jahrhunderts kyôka, Tollverse oder Scherzgedichte, die häufig in sehr illustren Dichterzirkeln entstanden und dann in kleinformatigen einblättrigen Drucken (z.B. Surimono) illustriert wurden. Gerade die Gebildeten und die Eliten Edos widmeten sich mit großem Eifer dieser Ausdrucksform. 

Gemein ist all diesen Drucken und Büchern, insbesondere den Gelben Büchern, dass deren holzgedruckte Illustrationen eine wichtige Rolle spielten. Japanische Bücher konnten bis zu einem Drittel und mehr aus gedruckten Bildern bestehen, die wiederum von jenen Künstlern entworfen wurden, die sonst Farbholzschnitte aus der Theaterwelt oder von schönen Frauen schufen. Naturgemäß waren damit auch die Bücher der Edo-Zeit von höchstem künstlerischen Wert. Allerdings will ich bei diesen schönen und gleichzeitig pikatnen Druckwerken gar nicht mehr von Sex, Drugs and Rock’n Roll sprechen als vielmehr von offenkundiger sozialer Kritik.

The Met open access art

Heute werden auf Floh- oder Antikmärkten in Japan häufig Druckwerke angeboten, die aus Büchern herausgetrennte Seiten sind. Und viele dieser Drucke sind wirklich brillant. Ich kenne in Europa auch viele Sammler von japanischen Büchern. Sie alle sind sich bewusst, dass sie als westliche Betrachter den expliziten Inhalt der Bücher nur mit großer Mühe dechiffrieren können. Und doch wissen sie die „Wirkung“ dieser Werke sehr zu schätzen, vor allen Dingen die ins Auge stechende Kunst.  

Gedanken zum Schluss   

Vielleicht haben Sie meinen Artikel Kunst aus Japan ist einzigartig gelesen. Darin hatte mich die leidige Frage beschäftigt, ob es japanische Kunst überhaupt gibt. Eine komische Frage? Nicht unbedingt. So mancher Japankritiker behauptet, in Japan sei alles nur abgekupfert und nachgemacht. Japan sei von jeher kulturell derart durchlässig gewesen, dass man von „eigener“ Kultur oder Kunst kaum sprechen kann.

Allen Skeptikern zum Trotz, für mich stellt sich die Sache ein klein wenig anders dar. Natürlich gibt es japanische Kunst! Ganz gleich ob wir hier von Kunst, Künsten oder Handwerk sprechen, all diese Ausdrucksformen zeigen ein enorm scharfes Spiegelbild Japans. Sie sind ein Zeugnis der Zeit und des Menschseins in der entsprechenden Zeit sowie der daraus resultierenden Ästhetik. Und die Kunst Japans IST einzigartig, wie auch in oben genanntem Artikel beschrieben wird.

Denn gerade an der Kunst der Bürger Edos ist zu erkennen, wie sehr sie das japanische Selbst (oder sagen wird das städtische Selbst) zum Ausdruck bringt. Ganz gleich ob Ukiyo-e, bebilderte Bücher, Netsuke, Keramik oder Lackwaren, all diese Objekte und Ausdrucksformen nehmen uns mit an Orte der Natur, der Kultur und der Kunst Japans. Sie ziehen uns regelrecht hinein in diese unglaublich intensive Epoche der Edo-Zeit, eine Zeit, in der Energie und Tatendrang spürbar waren, die endlich befriedete „Welt“ wieder zu gestalten. Sie ziehen uns hinein in die Zeit des sich mehr und mehr abzeichnenden Umbruchs, in dem die Vertreter des niedrigsten gesellschaftlichen Standes erstarken, lebten und zumindest kulturell das Zepter in die Hand nahmen. Die Werke der Edo-Zeit erzählen daher von einem neuen bürgerlichen Selbstbewusstsein, von Lebensfreude, Alkohol, Sex, Luxus und Eleganz, gepaart mit einer gehörigen Portion Carpe Diem und dem Bewusstsein, dass vielleicht schon morgen alles zusammen kracht. Zudem zeigen sie einen städtischen Esprit, iki, der nur in der Edo-Zeit zu einer solchen Blüte heranreifen konnte.  

Und die Kunst zieht uns hinein in eine Zeit, in der durch die Abschottung des Landes nur wenige Einflüsse von außen Japan erreichten, Japan damit in Ruhe geistig, kulturell und politisch reifte, aber eben auch „im eigenen Saft“ schmorte. Wir erblicken eine Realität, die nicht mehr nur als schmoren, denn vielmehr als brodeln zu bezeichnen war, denn die Zeiten brachten auch systemische Härten und Unzumutbarkeiten mit sich, die die Menschen, samt Eleganz und Kunst in die Rebellion trieben. Die Kunst der Edo-Zeit, insbesondere die Ukiyo-e, sind damit nicht nur ein Medium das „zeigt“. Sie sind ein Medium das „erzählt“, von jenen Orten, an welchen die Menschen ihr Ventil fanden, ein wichtiges Ventil angesichts des Drucks einer hochreglementierten Welt.

Im Grunde kann man sagen, dass die Kunst oder die künstlerischen Ausdrucksformen jener Zeit den Inbegriff des gesellschaftlichen „Ventils“ darstellten. Zwar waren es die Menschen gewohnt, strengste Regeln zu befolgen und den Druck eines hierarchischen Systems zu ertragen. Aber was wir hier sehen ist erstaunlich, gingen die Menschen, zumindest einige, ein recht hohes Risiko ein, um ihrer Rebellion und ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen. Druck erzeugt Gegendruck, zumindest solange sich der Mensch nicht brechen lässt. Natürlich, auch bei diesen Worten gilt es unbedingt auf dem Teppich zu bleiben. Selbstverständlich gab es auch die Lebensentwürfe unbedingter Loyalität und Unterwerfung gegenüber dem Shôgunat. Aber – während der gesamten Edo-Zeit, insbesondere gegen Ende der Edo-Zeit, herrschte eben doch jede Menge Gegendruck – von Seiten der Künstler, der Intellektuellen, der Verleger, der Schauspieler, selbst von Adelige und natürlich all jener Bürger, die ihren Protest zum Ausdruck brachten. Die Konsequenzen ihres Handelns spürten sie durchaus. Ferner bleibt zu attestieren, dass dieses Streben nach einem freieren, zwangloseren Leben wohl ein urmenschliches Streben ist, gab es doch über zwei Jahrhunderte „kaum“ Vorbilder aus dem Rest der Welt, denen man nachgeeifert wäre. Doch es scheint ein natürliches Gesetz zu sein. Erst kommt der Frieden, dann wollen die Menschen die Freiheit. Die Kunst der Bürger der Edo-Zeit zeigt uns all das. Sie lässt uns teilhaben an dem Ringen zwischen staatlicher Zensur und bürgerlicher Ausdruckskraft. Sie wurde zum Ausdruck von Sex, Drug and Rock’n Roll – Emanzipation, Rebellion und Freiheit.

1868 endete die Edo-Zeit mit samt ihres feudalistischen Systems mit dem Absetzen des Shôguns und dem Wiedereinsetzen des Kaisers. Faktisch fällt dies mit der gewaltsamen Öffnung Japans durch die Ankunft der Schiffe von Commodore Perry zusammen, doch in der späteren Edo-Zeit kündigte sich dieser Fall, der Umsturz des feudalen Systems, mit der eben dargelegten Wucht schon unmissverständlich an. Die Zeit des Friedens und der inneren Stabilisierung des Landes durch klare Regeln und Strukturen hatte nach der „Zeit der streitenden Reiche“ sicherlich zunächst positive Effekte auf die Entwicklung und den Wohlstand Japans. Doch eben dies wurde am Ende auch wieder zum Hindernis. Die Menschen konnten nicht mehr, sie wollten da raus! Und all diese Kraft und Energie steckt in der Kunst.

Und nun noch eine kleine persönliche Bemerkung: Mir kommt es tatsächlich so vor, als wäre der Drang und auch der Mut der Menschen zu Rebellion und Gegendruck während der Edo-Zeit weit ausgeprägter gewesen, als dies heute in Japan der Fall ist, bei einem ungleich höheren Risiko. Dabei gäbe es auch heute in Japan Themen, die die Menschen durchaus in die Rebellion treiben könnten. Ich spreche von Ungeheuerlichkeiten wie einer miserablen Umweltpolitik, die nicht nur Klima, Flora und Fauna zerstört, sondern auch die Menschen hohen Risiken aussetzt, von einem zutiefst bürokratischen und beinahe unreformierbaren Land, das seit Jahrzehnten immer weiter in die Schuldenfalle läuft, von unterdurchschnittlichen Wohnverhältnissen bei weiten Teilen der japanischen Bevölkerung, einem auf Konformität abzielenden Bildungssystem, noch immer sehr begrenzten beruflichen Chancen für Frauen, Arbeitsbedingungen die zu Tod durch Überarbeitung führen etc. Wo sind Mut, Rebellion, Kampfgeist und Schaffenskraft der heutigen Generationen, wenn es um diese Themen geht? Ein wenig eingeschlafen?

Zugegeben, das ist nun eine heikle und vielleicht auch gewagte Gegenüberstellung. Natürlich lassen sich die Zeiten nicht vergleichen. Japan wird nicht mehr durch das Schwert regiert, kein „offizielles“ Ständesystem spaltet die Gesellschaft, es gibt relativen und breit verteilten Wohlstand und es gibt keine Antiluxusgesetze mehr… puh, letzteres wäre auch heutzutage noch ein wirkliches Problem. Natürlich leben Japaner heut ein einer „freieren“ Welt, wenngleich wir auch dies nicht mit rein westlichen Maßstäben messen dürfen. Die Obsessionen des heutigen Japan (etwa der herausragende Konsum von Pornographie, Prostitution, Alkoholkonsum oder das Konsumieren gewalthaltiger Filme) dienen daher noch immer als gesellschaftliche Ventile, aber in meinen Augen kaum mehr der Rebellion. Und die Jugend, die sich doch so gerne in unkonventionellste Kleidung und Kostüme zwängt? Auch keine Rebellion? Auch hier würde ich nicht eins zu eins mit westlichen Maßstäben messen. Denn für viele japanische Jugendliche gehört diese Form des aus dem Rahmen Fallens weit mehr zum „guten Ton“ denn zur Rebellion.

Umso mehr wird bei diesen Gedankenspielen abermals klar, wie unvergleichlich die Edo-Zeit nun einmal war, im Positiven wie im Negativen, und so die Menschen in all ihrer Ausdrucks- Lebens- und Schaffenskraft geformt hat. Es waren eben die Umstände der Zeit, die das mächtige, eruptive Lebensgefühl der edokko und chônin erst gedeihen ließen, das Lebensgefühl des Protest und des Carpe diem, gepaart – ja – mit einem prall gefüllten Geldbeutel.  

Zum Vergleich, im Nachgang an die Edo-Zeit, also in der Meiji-Zeit, wehte auch in der Kunst ein auffallend anderer Wind. Nehmen wir etwa die Druckwerke der Meiji-Zeit z.B. Shin hanga oder Sôsaku hanga. Sie zeigen weniger und weniger expliziten Sex (Japan wollte nach der Öffnung des Landes ja nicht als primitive und lüsterne Nation dastehen) als mehr und mehr weibliche romantische Akte nach westlichem Vorbild, weniger Bilder von Gewalt und schwerttragenden Männern (so sollte das Image Japans eben auch nicht mehr sein) und weniger Kabuki-Schauspieler. Stattdessen stimmungsvolle Atmosphären, Einkaufsviertel, individuelle Darstellungen und ja, auch mal ein Vergnügungsviertel durfte dabei sein. In jedem Fall sehen wir weit mehr Stimmung als Rebellion, zumindest in dem Sinne wie in diesem Artikel beschrieben.

Über die Epoche der Edo-Zeit bleibt noch zu attestieren, dass sich das Bild von Kunst deutlich verändert hat. Denn die bürgerliche Kunst der Edo-Zeit war Kunst von normalen Mensch mit ebenso menschlichen Themen für ganz normale Menschen – eben für die Massen. Mit dieser neuen Qualität vollzog sich in Japan eine Verschiebung von einer stark kontemplativen und elitären Kunst hin zu einer wesentlich weltlicheren, dekorativeren oder pragmatischeren Kunst. Die Kunst der Oberschicht bekam Konkurrenz durch die Kunst der Unterschicht und veränderte so die Landkarte der japanischen Ausdrucksformen ganz erheblich. Und eben dies war neu, radikal neu und einzigartig.

Im Grunde geht mit diesem Wandel auch eine Verschiebung von der bis dato vorherrschenden bildenden Kunst zum Handwerk einher. Wenn wir letztlich sogar die Farbholzschnitte zum Handwerk zählen, schließt sich der Kreis vollends.

Aber nochmals, ich will in diesem Artikel keinesfalls den Eindruck erwecken, dass es im künstlerischen Sinne zu Edo-Zeiten nur Ukiyo-e und Kabuki gab. Mitnichten. Auch die Malerei, sei es die dekorative Kunst im Rimpa-Stil, die Literatenmalerei, die Kalligraphie oder andere dem Zen nahe Künste erfuhren entsprechende Entwicklungen. Und natürlich gab es neben iki auch andere ästhetische Ideale, etwa Wabi Sabi, Shibui und andere dem Zen verpflichtete Gedanken. Zudem sei gesagt, dass sich auch die wohlhabenden Bürger Edos nicht ausschließlich mit „bürgerlicher Kunst“ umgaben. Auch sie kauften bildende Kunst, etwa Malerei, Wandschirme oder Skulpturen, mit anderen Worten, elitäre Kunst.

Doch kommen wir an dieser Stelle auf die eingangs erwähnten japanischen Historiker zurück, die anscheinend beinahe bis zur Mitte des 20 Jahrhunderts kein Interesse an der Kultur und den Ausdrucksformen der Edo-Zeit hatten. Fairerweise muss auch ich sagen, dass ich den Begriff des Edo-Trashs hin und wieder durchaus nachvollziehen konnte. Immerhin vollzog sich der Wandel von der elitär dominierten in eine bürgerlich dominierte Gesellschaft ja sehr plakativ. Bringen wir dann noch Sex, Drugs and Rock’n Roll mit ins Spiel, wird die Sache nur noch klarer: Welcher Historiker beschäftigt sich schon gerne mit dem Leben und den Medien der „rebellierenden Unterschicht“.

Und dennoch – am Ende ist es doch erstaunlich, wie sehr die Historiker jener Zeit dazu neigten, in der Edo-Zeit nur das Liederliche und so gar nichts Gehobenes zu sehen. Ziemlich einleuchtend erscheint mir daher die These, dass die Ereignisse der inneren Revolte, gerade der späteren Edo-Jahre, erst einmal nicht weiter beleuchtet werden sollten. Die folgenden Generationen sollten so nicht sein wie die unregierbaren edokko und chônin, sich kein Beispiel an der Kraft und Wucht der Menschen jener Tage nehmen. Und sie kennen meine persönliche Einschätzung. Sie wurden es auch nicht.

Was bleibt, nach all den Gedankenspielen, ist wie so oft im Leben einfach die Ästhetik – das sichtbare, das sinnlich erfahrbare, das haptische Vergnügen. Zu den hier beschriebenen ästhetischen Obsessionen der Edo-Zeit gibt es vermutlich wenig Vergleichbares. Natürlich – auch andere Epochen zelebrierten ästhetische Obsessionen, insbesondere die Heian-Zeit. Doch die Edo-Zeit erfand sich auch dadurch neu, dass sie einen enorm hohen Qualitätsmaßstab forderte, an so gut wie alles. Der Konkurrenzdruck unter Handwerkern und Künstlern war in der Folge enorm. Übrigens, auch der hohe Anspruch an Qualität und Ästhetik von Speisen geht auf die Edo-Zeit zurück. Die erlesene Kultur Edos verstärkte sich somit selbst, was ein wesentliches Symptom dieser Zeit darstellt. Das vielzitierte iki wird quasi zum ästhetischen Leistungsprinzip, aber eines von absolut verfeinertem und gehobenem Niveau, in dem die ästhetischen Prinzipien der Adelskultur mit dem Glanz der blühenden städtischen Kultur verschmolzen.

Lassen wir das nun so stehen? Klingt alles super? Ja, aber…. denn schon wieder klingen mir die Klagen der japanische Historiker im Ohr. Ja – wir sprechen von einer kulturell verankerten Liebe zur Ästhetik – ja, wir sprechen von ästhetischen Obsessionen und von „rebellischer“ ästhetischer Kraft.  Aber sprechen wir hier im Grunde nicht auch von Oberflächlichkeit? Das Vulgäre an Edo ist nicht zwingend der Sex, die Prostitution oder das Vergnügungsviertel, als schlicht und einfach die Oberflächlichkeit. Mit anderen Worten, das Vulgäre an Edo liegt in der Obsession für das Sichtbare, das Habtische, die Form.

So kann man die Dinge natürlich auch sehen… und doch… ich denke es ist gerade dieses Schöne, diese Ästhetik, die Liebe zum Detail, die wir auch heute noch vor unserem inneren Auge sehen, wenn wir an Japan denken. Das ästhetische Japan – das schöne Japan! Es wäre zuviel gesagt, dass wir das schöne Japan ausschließlich der Edo-Zeit verdanken, aber wir verdanken ihr Vieles.

In jedem Fall zeigt uns die Kunst Edos eine Ästhetik, die wir in unserem naiv romantischen Japanbild so gerne auch heute noch am Leben halten würden. Vielleicht ist es etwas übertrieben, doch viele Besucher Japans würden am liebsten das Japan besuchen, wie es auf den Ukiyo-e zu sehen war, kulturell dicht, voller lebendiger Traditionen, Eleganz und Raffinesse, ein Edo aus Holz und Papier gebaut, sowie Natur, lieblich und naturbelassen, wie es sie heute kaum noch gibt. So muss dieses Japan doch sein. Wo sind die Kimonos, die wunderbaren Textilien, die Stadthäuser mit ihren zierlichen Fassaden? Die Perfektion im Handwerk existiert glücklicherweise auch heute noch. Wir lassen uns demnach allzu gerne verzaubert von Schlichtheit, Raffinesse und Eleganz – all dem, was in ungebrochener Tradition zur Edo-Zeit steht. Außerdem waren es genau dieses Bild und diese Ästhetik Japans, die letztlich die Welle des Japonismus in Europa auslöste. Aber das ist wieder eine andere Geschichte…

Quellen:

Facetten der städtischen Bürgerkultur Japans vom 17. – 19. Jahrhundert, Franziska Ehmcke und Masako Shôno-Sládek, Iudicum Verlag, München 1994

Reise um Japan. Das Land der aufgehenden Sonne im letzten Jahrzehnt der Tokugawa-Zeit (1603 – 1868), Rudolf Lindau, cass Verlag, 2014

Edo Culture. Daily life and diversions in urban Japan, 1600-1868, Kazuo Nishiyama 1997

Ken Mogi, Ikigai. Die japanische Lebenskunst, DuMont Buchverlag, Köln 2021

Kaihô März / April 2022 DJG Bayer e.V. Artikel von Irene Wegner Unterwegs zwischen nächtlichem Vergnügungsviertel und Hochgebirgsbach

Wikipedia: Geschichte Japans – immer gut für eine schnelle Zusammenfassung der Dinge