Japanische Druckgrafik ist ein weites Feld mit vielen spannenden Spielarten. Nur eines fällt bei der Diskussion über dieses Thema immer wieder auf. Selbst Liebhaber und Kenner der japanischen Kultur scheinen sich immer nur für eine dieser Spielarten zu interessieren: Ukiyo-e. Woran liegt’s?


Neulich im Baumarkt:

„Echt, du sammelst auch japanische Drucke? Ukiyo-e?“

„Wir waren doch letzten Sommer in Japan. Ich hab da so wunderschöne Drucke gesehen.“

„Wow…. Ich war noch nie in Japan. Aber ich hab auch solche Drucke zu Haus. Ich liebe Ukiyo-e.“

„Ja, die sind wirklich cool. Es gibt sogar welche von David Bowie. Hab` ich erst letztens bei einer Auktion in London gesehen.“

Nicht schlecht! Bei diesen Worten war ich wirklich beeindruckt. Denn dieses wunderbare Gespräch habe ich weder in einer Ausstellung, noch in einer Galerie aufgeschnappt. Es war wirklich in einem Baumarkt – in der Abteilung für Bäderzubehör.

Zu meiner Schande muss ich nun folgendes gestehen: Ich bin nicht auf die beiden Damen zugestürmt, um mich beherzt in ihr Gespräch einzumischen. Im Gegenteil. Ich war neugierig, wie sich IHR Austausch entwickeln würde, ohne Einfluss durch fremde Gedanken oder ein fremdes Gesicht. Und tatsächlich, es kam, wie ich es im Grunde erwartet hatte. Nach einer Weile hörte ich nur mehr eines: „Ukiyo-e – Ukiyo-e – Ukiyo-e ….“ Oh je!

Warum mich das so verdrießlich stimmte? Eine gute Frage. Vielleicht bin ich einfach immer wieder überascht, dass sich selbst Kunstkenner und Freunde der japanischen Kultur immer nur für eines zu begeistern scheinen: Ukiyo-e. Dabei ist die japanische Druckgrafik ein unendlich weites Feld.

Auffallend ist zumindest, dass selbst unter Kunstinteressierten immer wieder eine scheinbar alternativlose Gleichung aufgestellt wird: Japanischer Druck = Ukiyo-e.

Bei genauerer Betrachtung stimmt dies aber nur bedingt. Eigentlich muss man sogar sagen: Japanischer Druck = Ukiyo-e = leider falsch.

Klingt hart? Ja, Sie haben recht. Aber ich will an dieser Stelle eines wirklich zurechtrütteln. Japanische Druckgrafik ist weit mehr als nur Ukiyo-e. Sie verdient definitiv eine „etwas genauere“ Betrachtung. And here we go.

Printed Japan: Japanische Druckgrafik

Japan war und ist noch heute ein druckendes Land, weit mehr als es im gesamten europäischen Raum der Fall war. Der Fundus an Gedrucktem und Bedrucktem, gleich ob in Farbe oder Schwarz-Weiß, ist wirklich enorm groß.

In erster Linie geht es dabei um Drucke von Holzstempeln. Der englische Begriff Woodblockprints beschreibt diese Technik in meinen Augen am besten. Der Druck wird von geschnitzten Holzblöcken abgenommen. Anderweitige druckgrafische Formen, etwa die Lithographie (ab ca. 1870), spielten in Japan eine weit untergeordnete Rolle. Andere Ätzverfahren so gut wie gar keine.

Hier ein paar Beispiele. Was wurde alles in Japan gedruckt?

Als erste, sicherlich auch dem Gedanken der Chronologie geschuldet, kommen mir religiöse oder buddhistische Drucke in den Sinn. Ich denke da an Andachtsbilder, kleine Mandala sowie Bilder von Schutz- und Glücksgottheiten, monochrom oder schwarz-weiß. Daneben entwickelten sich bald auch profane Druckwerke, sehr profane sogar, etwa Handzettel für Theater, Teehäuser oder andere Etablissements. Heute hießen diese wohl „Shopcards“ oder Flyer für Waren und Geschäfte.

Die Sammlung an Druckwerken geht weiter. Aufwendige Grußkarten oder einfache Postkarten, alles wurde im Holzdruckverfahren hergestellt. Es gibt Drucke von Landschaften und Tieren, von Schauspielern und Geishas und auch explizit erotische Darstellungen. Ich sehe mit Mustern und Ornamenten bedrucktes Papier, Packpapier und sogar kunstvoll bedrucktes Bonbonpapier vor mir. Daneben habe ich noch Scherzbilder, Drucke für Kinder und Legendenbilder vor Augen. Und natürlich gibt es zahlreiche moderne Drucke, Shin-hanga, Sosaku-hanga und, und, und…

Interessant ist an dieser Stelle vielleicht eines. Nur ein kleiner Teil der bisher genannten Druckwerke (die Liste ist keinesfalls vollständig) zählt tatsächlich zur Kategorie der Ukiyo-e.

Leider wird mit der Definition des Begriffs häufig ein wenig lax umgegangen. Selbst in Japan werden bisweilen einfach alle Holzschnitte, die bis zum Ende der Meiji-Zeit (1868-1912) entstanden, mit dem gängigen Label Ukiyo-e versehen. In manchen Büchern oder einschlägigen Internet-Seiten wird sogar konstatiert, der Begriff Ukiyo-e sei ein Sammelbegriff für japanische Druckgrafik im Allgemeinen, womit ich persönlich absolut nicht mitgehen kann. Diese Unschärfe in der Nomenklatur wird in der Fachliteratur sogar offen diskutiert.

Aber was ist nun ein Ukiyo-e – und wenn wir schon so genau sein wollen – was ist es eben nicht?

Ukiyo-e

Ukiyo-e heißt übersetzt, Bilder der vergänglichen oder „fließenden Welt“. Diese Bilder sind eine Teilmenge aus der Kategorie des Holzschnitts. Sie lassen sich sowohl zeitlich als auch über deren Motive gut einordnen und so, zumindest grob, von anderen japanischen Druckwerken abgrenzen.

Ukiyo-e datiert:

Ukiyo-e sind Bilder einer klar definierten Zeit, der Edo-Zeit (1603-1868). Die Motive der Ukiyo-e sind daher ein Spiegel der Umstände und des Lebensgefühls eben jener Zeit.

Ukiyo-e Motive:

Für mich sind die Motive, eben die „Bilder der Fließenden Welt“, das wichtigste Kriterium, um Ukiyo-e abzustecken. Denn die im Ukiyo-e gezeigte vergängliche Welt bestand im Wesentlichen aus den Freuden der städtischen Welt: gemeint ist das Treiben in den Rotlichtvierteln, Szenen aus dem Kabuki-Theater oder aus dem schillernden Leben der Kabuki-Schauspieler, Bilder von Prostituierten, berühmten Kurtisanen und eleganten Geishas, Szenen von modisch gekleideten schönen Damen oder ganz allgemein vom bunten Treiben in den Städten an sich. Auch unverhüllt erotische Motive, die Shunga (Frühlingsbilder), wurden in umfangreichen Ausgaben gedruckt. Neben den sinnlichen Freuden zeigen Ukiyo-e auch Szenen mit Geistern und Dämonen, die ebenfalls gerne in den volkstümlichen Theatern dargeboten wurden. Ukiyo-e zeigten demnach alles, was der voyeuristischen Unterhaltung dient, von Elegantem und Animierendem über Gruseligem bis hin zu Liederlichem. Das ist spannend. Die Frage ist nur – warum? Warum wurden ausgerechnet diese Motive so gerne im Holzschnitt portraitiert?

Wie schon gesagt, Ukiyo-e sind ein Zeichen ihrer Zeit, der Edo-Zeit. Erstaunlich ist dabei, dass es sich eigentlich um hochreglementierte Zeiten handelte. Zwar gilt die Edo-Zeit überwiegend als Zeit des Friedens, aber auch als Zeit der Restriktionen von Seiten des Shogunats. Die Menschen sahen sich mit einem die Gesellschaft „zerteilenden“ Ständesystem konfrontiert. Hierbei wurde unterschieden zwischen dem Schwertadel (Samurai) als höchstem Stand, dem darauffolgenden Rang der Bauern und zuletzt dem Rang der Handwerker und Händler, also im Grund der Stadtbevölkerung. Die Rangordnung war klar, aber in Zeiten des Friedens waren die Samurai schlicht und einfach arbeitslos. Handwerker und Händler erlebten in Zeiten des Friedens und der dadurch florierenden Städte jedoch einen enormen Aufschwung, der ihnen finanziellen Wohlstand bescherte. Zudem entstand ein blühendes kulturelles Leben. Theater, Vergnügungsviertel und Orte des Genusses wurden vom Shogunat, trotz aller Zensurgesetzen und Regeln, letztlich doch toleriert.

Was jedoch strikt verboten war, waren politische Äußerungen oder die Darstellung von politischen Oberhäuptern in Schrift und Bild. Die Stempel der Zensoren zeugen davon, dass offiziell jeder Verlag und jede Druckauflage geprüft wurde. Eine Teilhabe der Bevölkerung am politischen Leben – nicht möglich. Die letztendliche Abschottung Japans ab der Mitte des 17. Jahrhunderts lenkte den Fokus der Stadtbevölkerung gänzlich nach innen: auf kulturelle Freuden und die Lust. Und eben diese erstarkte Stadtbevölkerung verlangte nach unterhaltsamen und dekorativen Bildern, die ihren Lebensidealen entsprachen: den Ukiyo-e. Entsprechend groß war deren Ausstoß, und das Druckverfahren eine günstige Möglichkeit zu der Vervielfältigung.  Ukiyo-e waren dabei stets kommerzielle Produkte, die von Verlagen in einer „relativ“ hohen Auflage produziert wurden. Nicht zuletzt aus diesem Grund ein gefundenes Fressen für die Zensur.

Im Grunde sind Ukiyo-e, mit ihren eleganten aber manchmal auch einfachen und sogar derben Szenen, schlicht und einfach ein Unterhaltungsmedium. Gemessen am Maßstab des japanischen Ständesystems – ein Unterhaltungsmedium der Unterschicht. Es soll nun keinesfalls despektierlich klingen, aber wenn Sie für einen kurzen Moment die Assoziation mit dem „einfachen Unterhaltungsprogramm“ einschlägiger Fernsehsender hatten, dann waren sie gar nicht so schlecht. Ukiyo-e strahlen den Glamour, die Eleganz und die Raffinesse jener Tage aus. Stylish? Ja, warum nicht, der Japanische Begriff hierfür wäre wohl „Iki“.

Ukiyo-e wurden seinerzeit nicht als Kunst, sondern als einfaches Handwerk bezeichnet. Das klingt nicht schmeichelhaft, war aber so. Die „Kunst“ hinter den Farbholzschnitten, sowohl die handwerkliche als auch die Kunst im Sinne von Eleganz und Intelligenz der Motive, wurde erst wesentlich später, nach der Öffnung Japans, wirklich erkannt.

Der japanische Farbholzschnitt vor und nach der Edo-Zeit

Ukiyo-e zeigen demnach spannende Motive. Möglicherweise sind sie auch deshalb so beliebt und bekannt. Oder kennt man eben einfach nur nichts Anderes? Wie sieht es vor und nach der Edo-Zeit (1603-1868) aus? Handelt es sich dabei auch noch um Ukiyo-e?

Vor der Edo-Zeit:

Die Technik des Holzschnitts ist in Japan schon seit dem 8. Jahrhundert bekannt. Sie kam, wie auch viele andere Einflüsse, mit dem Buddhismus aus China. Wie in seinem Ursprungsland, diente der Holzschnitt zunächst der Verbreitung buddhistischer Texte, Sutren, sowie religiöser Abbildungen und wurde ausschließlich in buddhistischen Klöstern praktiziert.

Erst um 1600, also mit Beginn der Edo-Zeit, entstanden Verlage, die sich gänzlich unreligiösen Themen zuwandten, eben der Unterhaltung. Rein dekorative oder unterhaltende Bilder wären kein Novum in der Malerei gewesen, betrachtet man etwa die Werke der Heian-Zeit. In der gedruckten Welt war es dies aber doch.

Hishikawa Moronobu (ca. 1625-1694) gilt schließlich als der Begründer der gedruckten Ukiyo-e. Moronobu war eigentlich Maler, ausgebildet in den konservativen Kanô- und der Tosa-Schule. Er war es, der sich besonders den „ehrlichen“, volkstümlichen Themen zuwandte, etwa den Kurtisanen oder den Rotlichtvierteln Edos. Und er war es auch, der schließlich die Motive der teuren Ukiyo-e Malerei in den kostengünstigen Holzdruck übertrug. Diese wurden zum Renner. Und eben hier (nach einer gewissen Phase der Entwicklung) beginnt die Geschichte der gedruckten Ukiyo-e.

Es bleibt somit zu vermerken, dass all jene Drucke, die vor 1600 entstanden, im Wesentlichen religiöse Drucke, keine Ukiyo-e sind.

Nach der Edo-Zeit:

Auf die Edo-Zeit folgt die Meiji-Zeit (1868-1912). Es gibt die Meinung, ich würde sogar sagen, dass es im umgangssprachlichen Sinne eine recht verbreitete ist, dass auch die Drucke der Meiji-Zeit zu den Ukiyo-e zählen. In Büchern und auch auf einigen Internetseiten, die durchaus hervorragende Inhalte bereitstellen, wird dies zumindest sehr ungezwungen so deklariert. Meine Meinung ist dies aber nicht.

1854 erfolgte die erzwungene Öffnung Japans durch die sogenannten ungleichen Verträge (USA). Die Meiji-Zeit ist somit geprägt von einem dramatischen Thema: der Öffnung eines zuvor abgeschotteten Landes, also dem Wandel. Vollkommen neue Einflüsse eroberten Japan und gipfelten in der sogenannten Meiji-Restauration. Modernisierung und Industrialisierung waren von nun an die Themen der Zeit, die sich so auch in den Drucken wiederfanden. Mit den Themen der abgeschotteten „fließenden“ Welt hat dies nur mehr wenig zu tun. Einige Künstler der Edo-Zeit haben jedoch bis in die Meiji-Zeit hinein an den klassischen Motiven. Diese Ausläufer müssten daher, zugegebenermaßen, differenzierter betrachtet werden. festgehalten

Zudem entstanden während der Meiji-Zeit ganz neue Formen des japanischen Farbholzschnitts, z.B. Shin-hanga und Sôsaku -hanga. Sie sind eigene druckgrafische Ausdrucksformen, aber ebenfalls keine Ukiyo-e. Von diesen unterscheiden sie sich im Stil und im künstlerischen Herstellungsprozess.

Sosaku-hanga („kreativer Druck“) können als Produkte einer künstlerischen Bewegung betrachtet werden. Die Künstler, inspiriert durch europäische und generell westliche Künstler, nahmen plötzlich den gesamten Prozess der Druckherstellung in die eigenen Hände: das entwerfen des Motivs, das Schnitzen der Druckplatten und auch den eigentlichen Druck. Diese sehr unterschiedlichen Arbeitsschritte wurden bei den klassischen Ukiyo-e noch an unterschiedliche Spezialisten vergeben, gesteuert und finanziert durch den Verleger. Das „alles aus einer Hand“ Prinzip war ein erheblicher Unterschied zu den klassischen Ukiyo-e. Die Motive und der Stil der Sosaku-hanga waren – manche sagen aus Mangel an handwerklicher Virtuosität – gänzlich neuer Art. Sie waren einfach, gegenständlich, stilisiert und plakativ und unterscheiden sich daher deutlich von den Motiven der Ukiyo-e.

Shin-hanga („neuer Druck“) wurden noch im konventionellen Sinne hergestellt. Auch deren Motive sind noch an die traditionellen Themen angelehnt, wirkten aber moderner und zeitgemäßer. Shin-hanga sind durchaus Geschmackssache. So mancher wird sich vielleicht den Begriff „Kitsch“ nicht verkneifen können. Denn diese Drucke zeigen ein idealisiertes Japan, im Grunde die „alte Welt“ mit moderner Handschrift.

Sonderformen des Farbholzschnitts während der Edo-Zeit

Und nun wird es tatsächlich ein Wenig kompliziert. Der kommende Abschnitt behandelt Druckwerke aus der Edo-Zeit, die aber dennoch keine Ukiyo-e sind. Dennoch handelt es sich um sehr verbreitete und populäre Sonderformen des Farbholzschnitts.  

Surimono: Eine eigene und besondere Form des japanischen Holzschnitts sind Surimono. Hier geht es mir weniger darum, Surimono zwanghaft von den Ukiyo-e abzugrenzen, als vielmehr deren Sonderstellung herauszuarbeiten. Denn Surimono sind reine „Privatsachen“. Es sind von Privatleuten, insbesondere Dichterzirkeln, aber auch von Unternehmern beauftragte Grußkarten. Sie wurden zu Anlässen wie Neujahr, zur Ankündigung persönlicher Neuheiten und Einladung von privaten Festen oder Hochzeiten an Freunde, Bekannte oder auch Kunden verschenkt. Meist wurden die Grußkarten von einem Gedicht mit entsprechender Illustration geziert. Surimono wurden nicht zu kommerziellen Zwecken hergestellt und haben daher auch einen anderen Charakter als herkömmliche Ukiyo-e. Sie sollten als Geschenke primär „etwas hermachen“. Die Druckverfahren waren kostspielig und aufwendig, etwa durch den Einsatz von Gold- und Silberstaub sowie durch aufwendige Prägungen. Es handelte sich um Luxus-Farbholzschnitte von Landschaften, Tieren, Pflanzen und Theaterszenen aber auch von Kurtisanen und schönen Frauen in kleiner Auflage. Auch wenn deren Entwürfe häufig von Ukiyo-e Künstlern stammten, zu den klassischen Ukiyo-e zählen sie meiner Meinung nach dennoch nicht. Machart, Stil und Motive der Surimono sind, häufig in Kombination mit Gedichten, aufwendig und gehoben. Sie hegen nicht den Anspruch, die breite Masse zu unterhalten oder gar zu erreichen. Sie sind zwar ein gedrucktes, aber doch anderes Medium als die klassischen Ukiyo-e. Als „Privatangelegenheiten“ unterlagen sie auch nicht der Zensur.

Meiso-e und Kacho-e:

Womit ich persönlich sehr kämpfe, sie als Ukiyo-e zu bezeichnen, auch wenn sie Drucke aus der Edo-Zeit sind, sind jene Werke, die weniger den Menschen, als die Natur in den Vordergrund stellen.

Kacho-e sind Bilder von Tieren und Pflanzen, in welchen diese das meist alleinige und zentrale Motiv sind. Für mich ließe sich hier lediglich argumentieren, dass auch die Betrachtung der Natur zu den sinnlichen Genüssen des Menschen zählt. Aber, im Sinne der fließenden Welt, der Welt die die Vergänglichkeit und Flüchtigkeit des Moments feiert, kann ich reine Tier- und Pflanzenmotive nicht zu den Ukiyo-e zählen. Das ist meine Meinung. Ich muss aber einräumen, dass in der Fachliteratur Kacho-e überwiegend zu den Ukiyo-e gezählt werden.

Meisho-e – hier müsste ich mich zugegebenermaßen auf eine größere Diskussion einlassen. Als Meisho-e werden Natur- und Landschaftsszenen bezeichnet. Als Beispiele ließen sich Hokusai mit den „36 Ansichten des Berges Fuji“ aufführen. Auch die Drucke von Hiroshige, etwa die „100 Ansichten berühmter Orte Edos“ zählen dazu. Nehmen wir Hiroshiges Serie, so gibt es Motive, die etwa beliebte, belebte und bekannte Straßen Edos (heute Tokyo) zeigen, also durchaus Szenen des städtischen Lebens. In dem Bildband Hiroshige Meisho Edo hyakkei werden diese Bilder auch als Bilder einer Stadt zwischen visueller Poesie und idealisierter Wirklichkeit bezeichnet. Aber auch Motive, die keinerlei menschliche Figuren, lediglich Landschaften und Bäume zeigen, sind darunter. Dennoch bin ich hier geneigt, der vorherrschenden Meinung zu folgen und diese als Ukiyo-e zu bezeichnen, gerade bei jenen Drucken, die den Menschen als Bewunderer der Szenerie andeuten. Ein Argument für die Bezeichnung als Ukiyo-e ist auch das begründete Interesse der Stadtbevölkerung nach Bildern der meist in Liedern und Gedichten besungenen bekannten Orte rund um Edo.

Beide Genres haben sich im japanischen Druck relativ spät etabliert, ab der Mitte des 18. Jahrhunderts. Bekannte Ukiyo-e Künstler, darunter Hokusai und Hiroshige, befassten sich mit diesem Genre. Dennoch plädiere ich für eine differenzierte Betrachtung ihrer Werke. Einfach alles Ukiyo-e – für mich eben nicht.

Nachdrucke von Farbholzschnitten – Reprints

Und nun kommt ein Thema, das theoretisch alles nochmals komplizierter machen könnte. Wie sieht es nämlich mit Nachdrucken, Reprints oder Kopien aus? Was ist ein Original und was bedeutet das für die Frage nach dem Thema Ukiyo-e? Wissenswert ist an dieser Stelle vor allem eines: Das Prinzip der limitierten Edition eines Drucks, also mit Unterschrift des Künstlers und einer strengen Nummerierung, gab es in Japan nicht. Hinzu kommt auch, dass es in Japan kein Gesetz oder keine Tradition gab, die ein „Original“ oder das Werk eines Künstlers schützte. Das Nachdrucken eines schönen und im Verkauf lukrativen Drucks – kein Problem. Schon zu Edo-Zeiten wurden Werke aus dieser Zeit einfach kopiert, indem die Druckplatten von einem anderen Verleger neu aufgelegt wurden. Betrug? In den meisten Fällen nicht, denn die Verleger dokumentierten durch ihre Verlegersiegel, wer welchen Druck produziert hatte.

Als Originale ließen sich daher nur jene frühen Auflagen bezeichnen, die von den ersten Druckstöcken abgenommen wurden, wo auch der Künstler, also der, der das Motiv entworfen hatte, den gesamten Druckprozess überwachte. Sollten Sie also einen „Originalen Druck“ suchen, sollten sie im Mindesten wissen, welches Motiv oder welche Serie durch welchen Verleger erstmals aufgelegt wurde. Mehr zu diesem Thema in einem eigenen Beitrag.

Eine besonders große Zahl an Nachdrucken von Blättern aus der Edo-Zeit kam in der Meiji-Zeit auf den Markt, da nach der Öffnung Japans gerade in Europa ein großes Interesse an Farbholzschnitten aufflammte.

Können aber all diese Nachdrucke, gleich ob frühe oder späte, als Ukiyo-e bezeichnet werden? Ja. Wenn die Motive die hier lange beschriebene fließenden Welt zeigen und die Drucke nach den traditionellen Techniken gefertigt werden, dann ja. Alle anderen Forman des japanischen Drucks haben natürlich auch als Nachdruck ihren eigenen Platz.

Moku Hanga – der aktuelle Farbholzschnitt

Heute finden wir moderne Farbholzschnitte mit unterschiedlichsten Motiven. So sind z.B. Manga-Motive als Weiterentwicklung der Ukiyo-e sehr beliebt. Diese neuen Drucke können als Moku Hanga zusammengefasst werden. Sowohl in Japan als auch im nichtjapanischen Ausland wird die Technik des japanischen Farbholzschnitts unter Liebhabern immer weiter praktiziert.

Hier Beispiele von Eva Pietzcker aus Berlin.

Und jene Drucke, die das Antlitz von David Bowie zeigen? Muku Hanga – aber keine Ukiyo-e.

Und nun zurück in den Baumarkt. Meine lieben Damen. Ich hoffe, Sie verzeihen mir, dass ich Ihr Gespräch so schamlos belauscht und dann noch als Beispiel einer lebendigen Ukiyo-e Diskussion zitiert habe. Vielleicht sind ja auch Sie öfter einmal in diesem Baumarkt. Ich würde Sie zu gerne auf einen Kaffee und ein gutes Gespräch über Ukiyo-e einladen. Und ich würde ein solches auch sehr genießen. Sie bloßzustellen oder zu brüskieren – das war mein Anliegen sicher nicht!