生 Kunst aus Japan ist lebendig.

„In Japan sind Kunst, Künste und Ästhetik aus Tradition und ganz selbstverständlichen in den Alltag integriert.“  Sagen wir es etwas anders: Kunst in Japan lebt einfach mit. Bisweilen erhalten Kunstgegenstände sogar erst durch den Gebrauch ihren wahren Wert. Der Umgang mit Kunst in Japan ist daher auffallend lebendig.  Hierüber könnte ich nun viele, viele Seiten schreiben. Ein paar Beispiele helfen vielleicht am besten weiter.

Eine Szene aus Tausend Kraniche von Yasunari Kawabata

Am Rand der Tasse haftet das Rouge von Frau Ootas Mund. Das Rot des Lippenstiftes läßt sich kaum entfernen. So hatte Fumikos Mutter gesagt. Solange ich die Tasse nun habe, hat es sich nicht wegwaschen lassen. Es ist übrigens nicht wirkliches Rot, sondern ein helles Braun, aber es schimmert rötlich. Es kann wirklich verblichenes Rouge eines Lippenstiftes sein. Oder nur das natürliche, matte Rot des Shino? Man führt immer eine bestimmte Stelle seiner Tasse an die Lippen. Die Stelle kann von dem Mund einer Frau herrühren, die lange vor Frau Oota aus der Tasse getrunken hat. Oder hat vor ihr niemand die Tasse täglich gebraucht?

Gut, wer nun eine weiße Porzellantasse mit einem unappetitlichen Lippenstiftrand vor sich sieht, wundert sich natürlich zu recht, was das mit Kunst zu tun haben soll. Aber die Sache ist reichlich anders. Die Szene lebt von der Beschreibung einer 400 Jahre alten Shino-Teeschale aus dem älteren Ofen der Shino-Manufaktur. Die von Shino Sôshin begründete Tradition hielt sich über Jahrhunderte. Ein solches Stück gilt in Japan in jedem Fall als wertvolles Objekt, ein Kulturgut, Kunst. Eine junge Frau hat die Schale in Kawabatas Roman dem ehemaligen Liebhaber ihrer Mutter zum Geschenk gemacht. Und der Beschenkte verehrt die Schale, nicht nur, weil sie ein wertvolles Stück ist, sondern weil sie Spuren trägt. Er verehrt sie, weil das Leben über Jahrhunderte erst den wahren Glanz der Schale hervorgebracht hat.

Macht das nun Sinn? Ist das sentimentale Verklärung? Ja und nein. Es ist eben eine sehr japanische Sichtweise auf die Kunst. Kunst muss in Japan in Gebrauch sein, da die japanische Ästhetik eine gewisse Form der Patina vor dem neuen, glänzenden präferiert. Teeschalen, Vasen oder Lackwaren wachsen in Ausstrahlung und Wert, wenn sich eine gewisse „Alterspatina“ zeigt. Jun’ichirô Tanizaki formuliert dies so: Um die Wahrheit zu sagen, handelt es sich um den Glanz, der auf Schweiß und Schmutz der Hände zurückzuführen ist. In China gibt es das Wort „Handglanz“ shou tse, in Japan das Wort „Abgegriffensein“ nare, beide meinen den Glanz, der entsteht, wenn eine Stelle von Menschenhänden während langer Zeit angefasst, glatt gescheuert wird und Ausdünstungen allmählich ins Material eindringen. Oder wie hier beschrieben, von den Lippen der Benutzerin veredelt wird. Die Szene ist ein markanter Ausdruck des japanischen Konzepts des Sabi  – das Bewusstsein für den Alterungsprozess als künstlerischen Ausdruck des Lebens selbst (mehr zum Thema Sabi unter Philosophie  Schön sowie im Beitrag Wabi  Sabi).

Eine Zusammenfassung aus Inspiration Wabi von Axel Vermoort

 Zunächst windet sich der Weg wie ein Fluss durch einen weiten, offenen Raum.  Ein leerer, lichter Raum, in dem sich der Geist von der Ablenkung des Alltags frei machen kann. Und in der Ferne definieren Rhododendren und hohe Bäume den Hintergrund. Hintereinander gehend durchqueren wir das Feld… ein einfaches altes Tor aus  Rhododendronholz markiert einen Durchgang. Es führt uns in eine andere Welt… Eine unglaubliche heitere Ruhe geht von diesem Ort aus. Wir setzen unseren Weg auf dem mit rostrotem Laub bedeckten Boden unter den tief hängenden Ästen gebeugter Bäume fort. Unter unseren Füßen knacken die Bucheckern. Wurzeln sind mit dunkelgrünem Moos – einem Symbol des Lebens – bedeckt.  Tauben flattern in den hohen Kiefern. Der schrille Warnruf einer Amsel. Und dann: ergreifende Stille.  Schönheit liegt in diesem – und im verflossenen – Augenblick. Kleine Blumen – wilde Alpenveilchen – säumen furchtlos den Weg. Weit drinnen im Wald gelangen wir schließlich an eine versteckte Lichtung – einen Ort voll heiterer Stille. Und dann endlich hinter den gewundenen Ästen der Rhododendren sehen wir ihn, den Regenpavillon. Ein einfaches, von japanischen Teehäusern inspiriertes Häuschen.  Es strahlt eine ungewöhnliche Schönheit aus, die rein und organisch wirkt, vollkommen im Einklang mit der Umgebung. Gebaut nach den japanischen Wabi-Grundprinzipien: Natürlichkeit, Bescheidenheit und Nüchternheit. Hier gibt es keinen Zierrat, hier findet man nichts Überladenes. Alles ist von einer absoluten, aufs Äußerste reduzierten vornehmen Schlichtheit.  Das Gerüst wurde aus Altholz und Ästen entwurzelter Bäume gefertigt. Für die Wände wurden Erde und Lehm benutzt, die man vor Ort vorfand. Nichts ist hier rechtwinklig, nichts gerade – und doch stimmen die Proportionen. Im Regenpavillon herrscht Dunkeleit, aber unsere Augen gewöhnen sich an das schwache Licht. Der Fußboden wurde aus dem Stamm einer jungen Birke gefertigt und ist unbehandelt, damit er das Licht reflektiert. Die Kargheit des Raumes lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Tokonoma.  Eine Art Nische, die in Japan symbolische Bedeutung hat und in der man besonders schöne Dinge ausstellt. Die Leere, die sie umschließt, ist wohltuend für Auge und Geist. In der Nische steht eine schwarze ägyptische Schale aus prädynastischer Zeit. Die klar, einfach und ausnehmend schön geformte, mehr als 4000 Jahre alte Schale wirft einen wunderschönen Schatten, der uns tiefen Einblick in den Geist ihrer Vergangenheit gibt.   

Und wo ist nun hier die Kunst? Zugegeben, auch das ist kein Einsteigerbeispiel für die Lebendigkeit der japanischen Kunst. Ein Garten – ein Teehaus – die Schale aus Ägypten. Die Beschreibung schildert ein von Menschenhand  gestaltetes Terrain, das in der Summe dennoch natürlich wirkt. Auch diese Szene atmet die ästhetischen und philosophischen Ideale des Zen, Wabi und Sabi (mehr zum diesen Themen unter Philosophie  Schön sowie in dem Beitrag Wabi Sabi). Vom Garten über das Gebäude bis in die ägyptische Schale ist alles von einem durchgängigen künstlerischen Verständnis beseelt. Das alte Holz korrespondiert mit dem Kunstobjekt. Es wirkt der Schatten der Schale als existenzielles Element des Raumes und des ästhetischen Empfindens selbst. Wir sprechen von Kunst –  zum durschreiten, erleben, bewundern und natürlich zum Gebrauch.

Greifen wir aus der oben beschriebenen Szenerie nun ein Detail heraus, die Tokonoma, so wird uns die Lebendigkeit der japanischen Kunst erneut vor Augen geführt. Die Tokonoma ist eine traditionelle, etwa 90 cm tiefe Schmucknische, die auch heute noch in normalen Haushalten existiert und dem besten Wohnraum des Hauses seine Feierlichkeit verleiht. In der Tokonoma werden Dinge von besonderer Schönheit ausgestellt, wie eben die oben genannte Schale, aber auch Rollbilder oder Malerei. Doch die Tokonoma ist kein Ort von statischem Gebrauch. Sämtliche Objekte werden den Jahreszeiten oder besonderen Anlässen entsprechend platziert. Somit ist in jedem Haus ist ein fester Platz für die Kunst vorgesehen. Die Kunst selbst wird jedoch höchst dynamisch in das Leben mit all seinen unterschiedlichen Anlässen integriert.  

Doch das gesamte klassische japanische Haus verkörpert die japanische ästhetische Lebendigkeit. Seit alters finden wir in Japan Malerei auf Hängerollen, Faltschirmen, langen Handrollen, Fächern oder Schiebetüren. Das alles gehört zur Grundausstattung eines japanischen Hauses und es wird benutzt. Insgesamt, so schreibt auch Fahr-Becker, geht von Kunst aus Japan doch einen starken Kontrast zu den eingerahmten Leinwandbildern oder Wandfresken der westlichen Länder aus. Kunst wird in Japan eben benutzt.

Meine Leidenschaft sind japanische Drucke, Farbholzschnitte  – insbesondere Ukiyo-e. Sie sind Ausdrucksform einer florierenden Stadtbevölkerung, beginnend in der Tokugawa-Zeit. Diese Drucken haben zwar hintergründig auch etwas mit Wabi und Sabi zu tun. Doch im Wesentlichen sind sie eine Gegenpol zur höfischen oder vom Zen geprägten Kunst. Die bunten Drucke sind Ausdruck der städtischen Kultur, mit Szenen von Schauspielern, Kurtisanen, Amüsiervierteln, erotischen Darstellungen aber auch Landschaften. Sie spiegeln das pralle Leben Edos und folgen dem ästhetische Ideal des Iki: das anspruchsvolle, jedoch nicht übersättigte oder aufdringliche, unschuldige aber nicht naive. Zugegebenermaßen muten japanische erotische Drucke nicht ganz so unschuldig an. Ansonsten vereint Iki Eigenschaften wie anspruchsvolle Urbanität, Raffinesse und schlagenden Esprit. Japanische Drücke sind auf ihre ganz eigene Weise lebendig. Leider werden diese Drucke, aufgrund der lichtempfindlichen Farben häufig nur in Mappen aufbewahrt.

Ich kann mich demnach an dieser Stelle nur wiederholen. Zwar gibt es auch in Japan Kunst, die „lediglich“ buddhistische Tempel ziert oder im Museum hängt.  Doch in Japan sind Kunst, Künste und Ästhetik aus Tradition und ganz selbstverständlichen in den Alltag integriert.  Sie sind ganz einfach für das tägliche, dynamische Erleben und den Gebrauch bestimmt.

Wenn Sie Ihre Neugierde für japanische Kunst bereits entdeckt haben, möchte ich Sie von Herzen motivieren, all dies auch zu erhalten und in Ihren Alltag zu integrieren.  Spielen Sie mit japanischen Holzschnitten, Kaligraphien oder Textilien und – wie wir hier lesen – anfassen ist erlaubt. Nur eines ist mir noch wichtig. Mit Kunst aus Japan möchte ich mich nicht in die Riege an Blogs und Shops einreihen, die Sie zu einem aufgesetzten, über-kuratierten Wohnen verführen. Ganz im Gegenteil: Kunst aus Japan dominiert nicht, sie lebt einfach mit.   

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