Okâ-san

Ein helles, klingendes und alle ansteckendes Lachen – ist das nicht der Ausdruck ungebremster Lebensfreude? Ist das nicht genau so, als würde man mit einem bunten Schwimmtier um den Bauch in das unendlich glitzernde blaue Meer springen? Ein einfaches Lächeln wirkt dagegen wie lauwarmer Kaffee. So hatte ich gedacht, zumindest mein halbes Leben lang.

Damals hatte ich auch noch keinerlei Erfahrung mit dem Land des Lächelns. Ich hatte noch keine Ahnung vom verschmitzten Lächeln, vom verlegenen Lächeln, vom verführerischen Lächeln, dem strafenden Lächeln, dem kollektiven Lächeln…  

Und das bringt mich zu Okâ-san, meiner Gastmutter, die mich vor gut 17 Jahren in ihrem Haus in Utsunomiya aufgenommen hat. Noch nie habe ich jemanden kennengelernt, der so lächelt, wie Okâ-san. Es ist ein augenzwinkerndes, jemanden in die Welt schickendes, inspirierendes Lächeln. Und diese Frau hat vieles erlebt, was weder zum Lachen, noch zum Lächeln ist.

Wahrscheinlich ist es dumm, zu glauben, dieses Lächeln wirklich zu verstehen. Aber für mich hat es eine Bedeutung. Und so denke ich, wenn ich ein wenig Inspiration brauche oder mich mal wieder an irgendein japanisches Projekt nicht herantraue, an das Lächeln von Okâ-san. Außerdem, als Lehrerin für Kalligraphie, Teezeremonie und das Ankleiden des Kimonos weiß sie sehr genau, wie es in Japan um das Schöne, Wahre und Gute steht. Und ich kann sie jederzeit fragen.