Kunst aus Japan ist einzigartig.

Japanische Kunst – na ja, was soll denn das sein? Am Ende ist in Japan doch alles nur nachgemacht. „Ein Konglomerat an Nachahmung“, auch das habe ich schon oft gehört und ich habe mich darüber geärgert wie nur Irgendwas.

Nur – ganz aus der Luft gegriffen ist der Gedanke eben auch nicht. Selbst wenn man es heute auf den ersten Blick nicht glauben mag, Japan hat eine hohe kulturelle Durchlässigkeit. Und das reicht weit zurück.

Michael Dunn beschreibt dies in Gabriele Fahr-Beckers Standardwerk Ostasiatische Kunst wie folgt:

Trotz wiederkehrender Zeiten der Isolation ist Japan immer ein kultureller Schwamm gewesen, der nahezu alles, was die Küsten der Insel erreichte, aufzunehmen bereit war. Das Land hat sich niemals als Ideenquelle hervorgetan und auch nie einen politischen oder religiösen Ismus entwickelt… Er attestiert aber auch, dass es der japanischen Nation deshalb nicht an Talent oder Ideenreichtum mangle. Japan bewies seine Genialität in der Auswahl und Synthese, die man als Japanisierung aller intellektuellen Importe bezeichnen kann. Fremde Errungenschaften wurden zu einem integralen Bestandteil der einheimischen Kultur gemacht und in einzigartiger Weise verfeinert. Von blindem kopieren kann demnach keine Rede sein, schreibt auch der Japankenner Kurt Singer in seinem überragenden Werk Spiegel, Schwert und Edelstein.  

Von der Japanisierung bis zum Japonismus                                                      

Japanische Kunst umfasst eine Vielzahl an Ausdrucksformen. Naturgemäß entstanden diese über Jahrhunderte der Entwicklung. Zudem fanden unterschiedliche kulturelle Einflüsse, etwa aus Indien, Korea und insbesondere aus China Einzug in das Leben und Wirken Japans.

In einer äußerst knappen Zusammenfassung, lassen sich in der langen Geschichte der japanischen Kunst, insbesondere der Malerei,  vier wichtige Phasen erfassen, in denen konkret neu Gedanken Japan erreichten und das Land weitreichend beeinflussten.  

Die erste und bedeutendste Welledas 06. und 07.Jahrhundert. Zusammen mit der Papier- und Tuscheherstellung kam in jener Zeit vor allen Dingen buddhistisches und mythologisches Denken aus China und Korea ins Land. Koreanische Gesandte führten im Jahr 552 den Buddhismus in Japan ein, der wenig später auch als Staatsreligion etabliert wurde. Die Haltung des Buddhismus, der Erleuchtung über die Zurückhaltung und Ablehnung materieller Güter sucht, hat das Land seitdem tief geprägt. Zuvor hatte Japan fast ausschließlich Kami, lokale Ahnengottheiten verehrt, aus denen schließlich das Shinto hervorgegangen war.  Der Buddhismus aber inspirierte bis in die Heian- und Kamakura-Zeit vor allen Dingen die religiöse Malerei und Skulptur.

China hatte einen bedeutenden Einfluss auf Japan, nicht nur in religiöser Hinsicht. Japans größte Dankesschuld gegenüber China lässt sich am Gebrauch der chinesischen Schriftzeichen ablesen, die Japan schon im 5. Jahrhundert von den chinesischen han ableitete. Der Einfluss Chinas formte auch das politische System Japans. Von der Mitte des 6. Jahrhunderts bis zum Ende des 8. Jahrhunderts war Japans Kultur ein Abbild der Kultur der ruhmreichen chinesischen Tang-Dynastie. Viel von dessen Glanz ist in Japan noch lange erhalten geblieben, während jene Kultur auf dem chinesischen Festland schon längst untergegangen war. Und es ist eben diese Phase, die verdeutlicht, dass nicht die stumpfe Nachahmung, sondern ein tiefgreifender Prozesse der Adaption stattgefunden hat.  Singer beschreibt, wie dieser Prozess mit der Theorie der Polarisation zu erkläre ist: „wo Kräfte der einen Gesellschaft in einer anderen Kräfte entgegengesetzter Richtung wachrufen.“ Denn es ist doch bemerkenswert, dass eine Religion, die in Indien ihren Ursprung hat, in China nie mehr als eine zweitrangige Rolle spielte, in Japan derartigen Einfluss entwickelte. Er erklärt dies mit der These, dass die Menschen in Japan, die seit jeher ein zellenartiges Leben führten, an das Rad von Geburt und Pflicht, Familie und Staatskult sowie an emotionale Abhängigkeiten gekettet waren, von der buddhistischen Lebensform mit dem Streben nach Befreiung ganz besonders angezogen waren. Singer schreibt in seinem Kapitel Befreiung sehr ausführlich darüber. Nach vielen Jahren, in denen ich mich mit Japan beschäftige, macht diese, zugegeben abstrakte Theorie, für mich absolut Sinn. Wir sprechen demnach von sehr komplexen Mechanismen der kulturellen Aneignung. Nennen wir diese Mechanismen „Japanisierung“, wie es auch Michael Dunn tut, eine kulturelle Aneignung voller Energie und Inspiration. Die Resultate in Kunst und Kultur sind einzigartig.

Bis in das 12. Jahrhundert war alle Kunst in Japan im Wesentlichen auf die Religion ausgerichtet, auf den Buddhismus aber auch den einheimischen Shintoismus. Künstler waren überwiegend im Dienst von Tempeln tätig, viele waren auch Priester. Später waren Künstler auch vom Kaiserhof, vom Adel und von den Shogunaten der Militärmachthaber beauftragt, deren Paläste und Schlösser zu dekorieren.

Die zweite Welle –  das 13. und 14. Jahrhundert. Zugegeben, auch dies muss als sehr lange Welle bezeichnet werden. Doch es war diese Phase, in der chinesische Zen-Priester und japanische Anhänger dieser Lehre, die auch selbst in China studiert hatten, ihre Einflüsse nach Japan brachten und über die Zeit auch etablierten. Auch der Zen-Buddhismus hat seit dem Mittelalter großen Einfluss auf alle Bereiche des japanischen Lebens genommen. Einer der bedeutendsten Vermittler dieser Philosophie war der Tendai-Mönch Eisai (1141-1215), der sich in China in der Meditation geübt hatte. Zen zielt darauf ab, über die Einheit von Körper und Geist sowie durch die Öffnung des Geistes Erleuchtung zu erfahren. Der Meditierende findet insbesondere durch die Suche nach einem leeren Geist seinen spirituellen Frieden.

Neben den Priestern fand Zen insbesondere unter den Kriegern des Landes, den Samurai, große Beachtung, denn die Meditationsübungen des Zen traten Zerstreutheit und Aufgeregtheit entgegen und förderten die Konzentration im Kampf. Für die Samurai entwickelte sich auch die von chinesischen Zen-Priestern eingeführte Tuschemalerei zum Ideal, da es sich mit dem Geist der Kriegerkaste deckte. Für Fehler ist kein Platz, jeder Pinselstrick muss sitzen, keine Korrektur ist möglich.

Auch Steingärten sind charakteristisch für den Zen-Buddhismus. Ihre Einfachheit und Harmonie sind ein idealer Anker für die Meditation. Steine und Kiesel überzeugen durch einfachste Schlichtheit und dennoch liegt große Komplexität in der Komposition eines Steingartens. Die Position der Steine, sowie deren Abstände zueinander sind enorm wichtig, um Harmonie und Entspannung zu erzeugen. Was sich darüber hinaus aus dem Zen entwickelt hat, ist z.B. die Teezeremonie (chadô), die Kalligraphie (shodô) oder die Kunst des Blumensteckens (kadô) sowie des japanischen Gartenbaus. Der Mensch folgt, man könnte auch sagen er unterwirft sich dabei einem Weg (dô), einer vorgegebenen Weise des Praktizierens. Und er findet in all diesen Tätigkeiten nichts weniger als Erleuchtung, denn der Praktiker wendet liebevoll dieselbe bewusste Aufmerksamkeit auf das Detail, die er in der Mediation kultiviert (mehr  zum Prinzip des Weges dô unter Philosophie  Schön). Bis in die Muromachi-Zeit wird von der Blüte der Zen-Kunst die Rede sein.

Erst nach dem 14. Jahrhundert sollten auch andere Einflüsse, etwa die Mythologie oder Alltagsthemen Einzug in die Kunst finden und diese schließlich sogar dominieren.

Die dritte Welle – Ende des 17.Jahrhunderts. Ende des 17. Jahrhunderts kamen erneut vermehrt  Priester und Künstler aus China ins Land, die dort wegen Unruhen geflohen waren. Sie brachten die  Maltechniken und die Stilrichtung der Ming-Dynastie mit.

Als letzte Welle oder letzten Zyklus der kulturellen Einflussnahme auf Japan sind die letzten 130 Jahre zu verbuchen. Dabei handelt es sich wohl um den stärksten Einfluss auf Japan und dessen kulturelle Entwicklung, den es jemals erlebte: der Einfluss der modernen westlichen Welt. Japan wurde als imperialistische Großmacht zwar im zweiten Weltkrieg geschlagen. Doch als es sich davon wieder erholte, entwickelte es sich zur zweitgrößten Ökonomie der Welt.

Die kulturelle Durchlässigkeit Japans ist damit wirklich kaum zu leugnen. Aber ein Konglomerat an Nachahmung –  ganz sicher nicht! Vielleicht hat aber auch die östliche Tendenz, seine Meister und alles Alte zu preisen und den eigenen Stolz hinter einem Schleier von Ehrerbietung und Selbstherabsetzung zu verbergen dazu beigetragen, fremde Beobachter zu gewissen Fehlurteilen im Sinne der Minderwertigkeit zu verleiten. Doch die künstlerischen und kulturellen Güter Japans sind einzigartig. Auch Singer stellt nicht ohne eine gewisse Befriedigung fest, dass der allgemeine und doch immer wieder zu hörende Trugschluss, den Japanern fehle es an Stärke und Originalität, zumindest von keinem kompetenten westlichen Historiker der östlichen Kunst geteilt wird. 

Die Abschottung Japans

Eine Epoche, die stets mit großer Aufmerksamkeit betrachtet wird, ist die Phase der vollkommenen Abschottung des Landes. Während der Edo-Zeit in den Jahren 1603-1868 wurde jeglicher Handel, aber auch jeglicher geistig-kulturelle Austausch mit anderen Ländern radikal unterbunden. Kein Japaner verließ das Land, keinem nicht-Japaner wurde Zutritt gewährt. Wer sich dem widersetzte, wurde mit dem Tode bestraft. Die Folge: Japan blühte auf. Vielleicht ist dies ein kleinwenig verkürzt, aber der selbst gewählte extreme Protektionismus brachte doch eine intensive Festigung und Weiterentwicklung von gesellschaftlichen, politischen und religiösen Strukturen mit sich. Japan, bis zum Jahr 1868 ein Feudalstaat ohne nennenswerte Industrialisierung, hatte sich in jener Zeit auf seine geistigen, gesellschaftlichen und künstlerisch-ästhetischen Prinzipien konzentriert. Gerade deshalb brachte diese Zeit Kunst und Ästhetik nach vollkommen eigenen Maßgaben hervor.

Doch wer legt sich einen Protektionismus dieser Art selbst auf? Ist es der, der absolut überzeugt vom Eigenen ist und keinen Einfluss mehr für nötig hält? Ist es die Arroganz, dass das Eigene nicht zu übertreffen ist? In der Tat entwickelte sich in dieser Zeit eine neurotische Liebe der Japaner für ihr Land. Sie erachteten es als das Zentrum der Welt. Ein gewisser Nationalismus und eine deutlich gefühlte Sentimentalität für das eigene Land blieben da nicht aus. Oder ist es doch eine Nation, die schlicht und einfach an der Übersättigung der bisherigen kulturellen Einflüsse krankt? Viele haben sich mit dem Warum beschäftigt, doch die Erklärungen führen an dieser Stelle zu weit. Fakt ist jedoch, dass es für diesen Protektionismus sehr starke Treiber gab, die viel Neuartiges hervor gebracht haben, etwa neue Formen des Theaters, wie das Kabuki, die Ausformung der Geisha-Kultur, oder Drucktechniken, bekannt als Ukiyo-e.

Zumindest lässt sich für diese Epoche zweifelsfrei attestieren, dass die Kunst jener Zeit wirklich  einzigartig ist. Gerade die Drucke haben nach der Öffnung Japans auch westliches Wirken und Schaffen geprägt, zu sehen an der Strömung des Japonismus.

Erst 1853, mit der Landung einer amerikanischen Schwadron an Kriegsschiffen unter dem Kommando von  Commodore Mathew Perry, wurde eine allmähliche Öffnung des Landes erzwungen und dies schlicht und Einfach mit militärischer Übermacht.

Ukiyo-e: der ureigene Ausdruck einer abgeschotteten Welt

Ukiyo-e sind Drucke oder Farbholzschnitte. Der Name bedeutet übersetzt „Bilder aus der fließenden Welt“. Sie entstanden während der eben beschriebenen Phase der Abschottung und Isolation, der Edo-Zeit. In den Städten jener Tage entwickelte sich ein lebhaftes Treiben, insbesondere in Edo, dem heutigen Tokyo. Der Fokus der Gesellschaft lag auf dem Handel, auf Vergnügungen jeglicher Art und auf der Kunst. Ukiyo-e sind eine Ausdrucksform dieser florierenden Stadtbevölkerung. Sie zeigen farbenfrohe Szene aus Kabuki-Aufführungen, aus den Amüsiervierteln, von Kurtisanen, Kabuki-Darstellern, Portraits von Geishas, Sumo-Ringern, Reisende auf der Tokaido-Route (von Kyoto nach Edo) aber auch Landschaftsbilder. Sie sind Ausdruck des prallen Lebens in Edo, eine Hommage an den flüchtigen Augenblick oder an die sogenannte „fließende Welt“. Wie flüchtig sich das Leben jener Tage tatsächlich darstellte, verdeutlich das Stadtbild Edos jener Zeit. Es war eine Stadt, gebaut aus Stein, Holz und Papier. Aufgrund der dichten Bebauung, vermochte der kleinste Funke ganze Stadtviertel in Kürze auszulöschen.

Ukiyo-e zeichnen sich in ihrer Gestaltung dadurch aus, dass sie fast nie eine Perspektive im strengeren Sinne beachten und einen komplett asymmetrischen Bildaufbau aufweisen. Wir sprechen auch hier von der wabi-sabi Asymmetrie und von der entsprechenden Irregularität im Aufbau der Komposition. Das Objekt des Interesses steht demnach nie im Mittelpunkt. Auch das Element des Schattens wird fast nicht verwendet. Obwohl graphische Details einfach weggelassen werden und die Drucke oft den Eindruck des unfertigen hinterlassen, zeigen sie bewegende, wunderschöne und energetische Szenen und Bilder.

Dank der neuen Drucktechnik mit Holzstempeln waren Ukiyo-e Massenprodukte. Nummerierte Kopien wurden auch in größerer Anzahl gedruckt. Manche namhafte Künstler ließen die  Druckplatten nach dem Druckprozess zerstören, um dem Käufer ein möglichst rares Gut angedeihen zu lassen.

Der Japonismus

Der Einfluss der japanischen Ästhetik auf die westliche Kunst setzte bereits früh nach der Öffnung Japans eine. Der Japonismus seit den 1870er Jahren gilt als Ausdruck dessen. Einige französische Künstler in Paris interessierten sich insbesondere für Ukiyo-e. Große Mengen dieser Drucke wurden damals nach Europa verkauft. Van Gogh lebte in Paris in der Nähe der Galerie Samuel Bing, einem der prominentesten Ukiyo-e-Sammler jener Zeit. Bald sammelte auch van Gogh die bunten Drucke. Er hat seine eigenen Versionen der bekanntesten Motive von Hokusais, Hiroshiges und Eisens Drucken kreiert. Neben van Gogh hatten auch Impressionisten und Postimpressionisten wie Claude Monet, Edgar Degas, Paul Gauguin und Henri de Toulouse-Lautrec ihre japonistischen Phasen. Ein Beispiel: Claude Monets La Japonaise zeigt eine Frau im Kimono mit japanischem Fächer.

Wenn Sie mehr über die Geschichte der japanischen Kunst lesen möchten, empfehle ich folgende Literatur, die auch als Quelle für diese Zusammenfassung diente: 

A Geek in Japan von Héctor García, Japanische Farbholzschnitte, herausgegeben von Gabriele Fahr-Becker, Japonisme and the rise of the modern art movement von Gregory Irvine, Ostasiatische Kunst, herausgegeben von Gabriele Fahr-Becker, Schnellkurs Buddhismus von Frank Rainer Scheck  und Spiegel, Schwert und Edelstein. Strukturen des japanischen Lebens von Kurt Singer