Donald Richie – auch so einer, der mich schon viele Jahre begleitet. Wenn ich bei dem Namen Donald Richie ganz tief in mich hineinhöre, muss ich ehrlicherweise gestehen, dass ich ihn wirklich beneide. Donald Richie hat ein Leben geführt, von dem ich mir sehr gerne eine Scheibe abschneiden würde – eine dicke Scheibe sogar.

Nach dem zweiten Weltkrieg, zu Zeiten der amerikanischen Besatzung Japans, lernte er das Land auf eine Weise kennen, die ihn nicht mehr loslassen sollte. Als Journalist für die Far East Stars and Stripes Weekly Review, eine Publikation für die US-Amerikanischen Streitkräfte, verfasste er seine ersten Texte über Japan. Im Laufe seines Lebens sollten an die 40 Bücher über Japans Kultur und Gesellschaft folgen. Der japanische Film war schließlich das Thema, das man in besonderem Maße mit Donald Richie verbindet.  

Wer selbst eine Weile in Japan gelebt hat, den mag besonders faszinieren, wie sehr Donald Richie im Laufe der Jahre in der japanischen Gesellschaft angekommen war. Beginnend mit Kontakten zur Filmwelt, Akira Kurosawa, Toshiro Mifune, Nagasi Ôshima oder Kashiko Kawakita wurde er mehr und mehr Teil des japanischen kulturellen und künstlerischen Lebens – als einziger Nicht-Japaner auf hochkarätigen Partys, Hochzeiten, Versammlungen. Der Vergleich, Donald Richie als Lafcadio Hearn der Nachkriegszeit – ich finde das durchaus passend. Nur dass er in Japan auch als Film-Kurator, Maler und sogar als Komponist tätig war. Er lebte sein Leben.

© Nihon Cine Art

Im Grunde verbrachte Donald Richie fast sein ganzes Leben in Japan. Damit war er einer der wenigen Westler, der jede Sekunde des Wandlungsprozesses von der Nachkriegsmodernisierung bis zur heutigen Zeit miterlebte. Und doch war ihm eines sehr bewusst – dass er trotz der langen Zeit und trotz der Nähe zu so vielen Menschen, am Ende des Tages immer ein „Fremder“ in Japan bleiben würde. Das einmal dazugehören und dann doch wieder nicht mag aber genau das richtige Maß an Distanz gewesen sein, um ein Leben lang als feinsinniger Beobachter in Japan fungieren zu können.

Eines seiner Klassiker A Tractate on Japanese Aesthetics ist nun (2020) endlich auf Deutsch erschienen: Versuch über die japanische Ästhetik. Ich sage endlich, denn der englische Originaltext, so sehr ich ihn auch schätze, war, als ästhetisch-philosophischer Text, für Nicht-Muttersprachler eine kleine Herausforderung.

In Versuch über die japanische Ästhetik geht es um die Ästhetik in Japan als solche, ein „Phänomen“, das in Japan so natürlich und unaufgeregt im Alltag daherkommt, dass es dafür im japanischen Sprachgebrauch lange nicht einmal einen Namen gab. Japan ist ein Land, das über Jahrhunderte von einem Geflecht an ästhetischen Konzepten getragen wurde. Und dieses Geflecht war in eben jenem Nachkriegsjapan, das Richie in den ersten Jahren nach seiner Ankunft erlebte, noch lebendig, es war einfach natürlich präsent. Er wusste aus erster Hand von Iki und Wabi Sabi zu berichten, von den Lehren des guten Geschmacks, von Zen und von der Schönheit der Vergänglichkeit. Es ist die vollkommen eigentümliche Eleganz Japans, die Richie hier beschreibt, aber nicht im Sinne einer logischen dichten Beschreibung, als vielmehr im Sinne eines typisch japanischen Essays, der sich, wie das japanische Denken an sich, ganz und gar intuitiv dem Thema nähert.

Das Thema der japanischen Ästhetik ist beileibe abstrakt. Dennoch meinen zahlreiche westliche Bertachter, seien es Laien oder jene vom Fach, eine Vorstellung davon zu haben. Die vermeintlich bekannten Bilder, sie bestehen aus klassischen japanischen Holzhäusern mit dichtem Strohdach bedeckt, wie in den alten Filmen, auf Farbholschnitten oder wie es Alex Kerr noch in seinem Buch Lost Japan beschreibt. Alles ist regenverhangen, idyllisch und meditativ, die Holzsandalen sind säuberlich im häuslichen Eingangsbereich aufgereiht. Das Land aus Holzhütten, es wurde in vielen Reisetagebüchern, Reportagen und Briefen und auch japanischen Essays verehrt. Eben jene Schriften von Lafcadio Hearn, Richie, Tanizaki oder Makoto haben ihren Anteil daran.

Aber es lässt sich nicht leugnen, das ästhetische Geflecht, das eben jene Bilder einschließt, es wird brüchig, es hat schon lange an Elastizität verloren. Die Dinge in Japan haben sich geändert. Es ist ein Wunschtraum, dass Japan so „schön“ bleiben möge, wie es um 1900 oder zuvor war. Aber auch Richie musste miterleben, wie die Moderne Japan in schlimmster Weise heimgesucht hat. Konsum und lauter Kommerz sind allzeit präsent. Grelles, Buntes und Lautes haben Einzug gehalten und vieles an ursprünglicher japanischer Ästhetik verdrängt. Und Donald Richie war einer, der darunter litt und daran verzweifelte wie kaum ein anderer.

Sicherlich, sich zu modernisieren ist ein Recht einer jeden Nation und Kultur. Es ist ein normaler Akt. Aber weil nicht der Japaner, sondern der Westler Richie dieses Buch geschrieben hat, wirkt es wie ein Aufschrei und auch wie eine scharfe Klage:  Seid ihr euch eures Schatzes überhaupt bewusst? Die Frage ist natürlich generell berechtigt: Sind sich die Japaner Ihres Schatzes, ihres enormen ästhetischen kulturellen Erbes wirklich bewusst? Wissen sie es zu schätzen, aus welchem ästhetischen Fundus sie zu schöpfen vermögen und nehmen sie das Verblassen dieses Erbes allzu leichtfertig in Kauf? Ist Japan in dieser Hinsicht anders, als andere Nationen oder drängt sich uns, den westlichen Betrachtern diese Frage nur so vehement auf. Oder ist Japan vielleicht schon wieder in einer Gegenbewegung angekommen, eine Rückbesinnung auf ästhetische Werte, die nie ganz verloschen waren und nun wieder mehr und mehr ins Leben zurückkehren?

Die romantisch verklärte Zeit der „Holzhütten“ wird nicht wieder zurückkommen, egal wie sehr wir ihr nachhängen. Und es ist auch ein Irrtum, zu glauben, dass Japan immer so bleiben muss, um den ästhetischen Vorstellungen Jener nachzukommen, die selbst nicht in verrauchten und kalten Holzhütten leben wollten.

Der Versuch über die japanische Ästhetik, eines der letzten Bücher, die Ronald Richie schrieb, ist vielleicht sein letzter verzweifelter Versuch, das Japan, das er kannte und liebte, theoretisch einzufangen. Es ist eine leidenschaftliche Hommage an Japans ästhetische Werte und Traditionen. Für mich beinhaltet dieses Buch aber auch die Aufforderung, auch in Zukunft an das zu glauben, was Japan einst in tiefstem Maße ausmachte. Es ist eine Mahnung, aber nicht von „außen herab“ als vielmehr die Mahnung eines guten Freundes. Ein Versuch über die japanische Ästhetik.

Quellen: Donald Richie, Versuch über die japanische Ästhetik, MSB Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2020