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Das ästhetische Gesicht Japans ist so vielfältig wie kaum ein anderes… Farben, Materialien, Architektur, Kunst oder Theater sind einzigartig – dezent und doch komplex, vage und doch intensiv.  Ich würde sogar sagen, dass zur Ästhetik Japans einfach jeder etwas sagen kann. Kimono, Teeschalen, prächtige traditionelle Holzhäuser oder was einem noch so einfallen mag. Und ich würde wetten, dass auch die Farbkombination Blau und Weiß so ein Hingucker ist, den „man“ in Japan schon mal gesehen hat. Blau und Weiß gehören zu Japan. Grund genug, sich mit diesen wunderen Farben einmal genauer zu beschäftigen.

Blau und Weiß, ein weltweites Erfolgsrezept

Die Farbkombination Blau und Weiß ist nicht nur in Japan ein Renner. Im Gegenteil, in vielen Ländern ist Blau und Weiß enorm beliebt und auch traditionell verankert. Eigentlich sollte das auch nicht verwundern, denn die Kombination von Blau und Weiß ist im Grunde das „natürlichste der Welt“. Es reicht ein Blick in den Himmel. Aller Wahrscheinlichkeit nach sah der Mensch dort schon immer Blau und Weiß. Auch das Meer, etwas Wellengang vorausgesetzt, schillert in Blau und Weiß. Die Wahrnehmung dieser Farbkombination ist somit ein universales Phänomen. Außergewöhnlich ist daher doch, dass Japan diese beiden Farben in der Landestradition auf ein beinahe transzendentes Level gehoben hat – mehr noch als andere Länder.

Die Bedeutung der Farbe Blau in Japan

Blau in der Geschichte Japans

Rot (aka) und Schwarz (kuro), aber auch Weiß (shiro) und Blau (ao) zählen zu den ersten dokumentierten Wahrnehmungen, die in der frühesten Rot (aka) und Schwarz (kuro), aber auch Weiß (shiro) und Blau (ao) zählen zu den ersten dokumentierten Wahrnehmungen, die in der frühesten Landesgeschichte Japans vorkommen. Wie bereits in dem Artikel The Colours of Japan beschrieben, handelte es sich bei diesen Begriffen noch nicht um wirkliche Farbnamen. Es handelte sich vielmehr um Ausdrücke für kontrastierende optische Wahrnehmungen: hell (aka) und dunkel (kuro), klar (shiro) und vage (ao). Was heute als Blau bezeichnet wird, stand einst für den Eindruck von etwas Trübem oder Vagem. In jedem Fall zählt das heute sogenannte Blau (ao), neben Rot, Schwarz und Weiß zu den „Urfarben“ Japans.

Um Farben geht es auch bei dem 12-Rängesystem (aus dem Jahr 603), das den Rang von offiziellen „Staatsbeamten“ beschrieb. Der jeweilige Rang wurde durch eine farbige Kopfbedeckung angezeigt. In diesem Kontext war das tragen einer Reihe von Farben (Violett, Blau, Rot, Weiß, Schwarz) ausschließlich offiziellen Personen vorbehalten. Blau war gleich nach Violett die zweithöchst gelistete Farbe und symbolisierte seinerzeit die Tugend der Wohltätigkeit. Demnach war Blau durchaus eine Farbe von Rang. Dies änderte sich jedoch mit der Zeit und in aktuellen Quellen ist häufig zu lesen, dass Blau die Farbe des gemeinen Mannes oder des Volkes war.

In jedem Fall nahm die Präsenz von Blau in der Gesellschaft deutlich zu. Wurde diese Farbe zunächst nur unter Aristokraten getragen, erfuhr Blau spätestens mit der Edo-Zeit einen Wandel zur Farbe der ganz normalen Leute. Aber auch Samurai (der höchste Stand in der damaligen Gesellschaft) trugen unter der Rüstung häufig ein blaues Untergewand. Alle trugen Blau, und das war in einer Gesellschaft, in der Menschen aufgrund von Standesunterschieden eben nicht alle Farbe tragen durften, durchaus bemerkenswert. Weitere Details zum Thema Standesunterschiede und Farben in Japan in dem Artikel The Colours of Japan. Doch woher kam nun der blaue Boom in Japan?

Die Verbreitung der Farbe Blau in Japan  

Wenn wir von der Kombination Blau und Weiß in Japan sprechen, würde ich vermuten, dass viele die Kombination Dunkelblau und Weiß vor Augen haben, denn das Blau Japans ist schlicht und einfach Indigoblau. Textilien gefärbt mit Indigo können einen sehr dunkeln Ton annehmen, aber natürlich sind die unterschiedlichsten Blautöne möglich.

Die positiven Eigenschaften von Indigo

Der Farbstoff Indigo wird in einem Fermentationsprozess aus den Blättern der Indigopflanze hergestellt. Das Färben mit Indigo geht in Japan bis auf das 6. Jahrhundert zurück und war eine effiziente Art, Textilien verlässlich zu färben. Daneben haben indigogefärbte Textilien (Aizome) viele positive Eigenschaften. Indigo macht Fasern beständiger und ist sehr farbecht. Es wirkt antiseptisch und wehrt Insekten ab. Zudem wirkt Indigo schweißhemmend und ist UV-absorbierend.

Das alles waren perfekte Eigenschaften sowohl für Arbeitskleidung als auch für einfache Baumwollkleidung für jeden Tag. Indigogefärbte Textilien waren somit ein enorm praktisches Material. Ergo, arbeitende Menschen trugen diese jeden Tag, zumindest seit dem 17. Jahrhundert. Die Vorzüge von Indigo erklären aber auch, weshalb Samurai schon vor dieser Zeit indigogefärbte Textilien unter der Rüstung trugen. In meinen Augen sprechen wir demnach weniger von einer Mode als von weitestgehend praktischen Argumenten.  

Bleiben wir bei den Textilien, war Blau somit einfach allgegenwärtig. Amy Silvester Katoh, ich würde sagen, die Spezialistin für alles Blaue in Japan, erklärt in ihrem Webinar Why I love Indigo, dass seinerzeit sogar 80% der Leute Blau getragen hätten. Japan war also wirklich ziemlich Blau: Yukata (Baumwollkimono für jeden Tag), einfachste Arbeitskleidung, aber auch Textilien und Tücher für jeden erdenklichen Gebrauch, etwa Noren (robuste Vorhänge, die vor den Türen von Geschäften und Restaurants hängen), Kissen, Tenugui (kleine dünne Baumwollhandtücher) oder Furoshiki (kleine praktische Tücher um Gegenstände zu verpacken und zu transportieren).

Aizome – indigo textiles from Japan

Blau, die Farbe der Bescheidenheit in Japan

Festzuhalten bleibt auch, dass indigoblaue Textilien seit der Edo-Zeit aufgrund ihrer praktischen Eigenschaften überwiegend mit „Arbeit“ oder zumindest mit alltäglichen Lebenssituationen in Verbindung gebracht wurden und folglich mit der Assoziation von Bescheidenheit und Einfachheit einhergingen.

Und noch ein Aspekt fällt in diesem Zusammenhang ins Gewicht. Indigotextilien waren per Standesdefinition dem ländlichen Leben zugeordnet. Ken’yakurei, die sogenannten Antiluxusgesetze der Edo-Zeit, schrieben jedem Stand die ihm angemessene Lebensweise vor, etwa welche Kleidung und welche Farben zu tragen seien, welche Behausung angemessen sei, ja selbst welches Eingangstor dem jeweiligen Stand entsprach. Was den Stand der Bauern betraf, mussten diese einfache und bescheidene Kleidung tragen, explizit beschrieben als Indigotextilien. In zahlreichen Bauern- oder Fischerhäusern wurde daher sogar selbst gewebt und mit Indigo gefärbt.

Bescheidenheit in Reinform verkörpern für mich die sogenannten Boro-Textilien. Bei Boro handelt es sich um Kleidungsstücke oder Decken, die immer und immer wieder mit Textilflecken geflickt, verstärkt oder wieder zusammengeschustert wurden. In den meisten Fällen waren diese Textilien ein riesiges Indigoflickwerk. Ich würde sogar sagen, Boro-Textilien sind „das Zeugnis“ für japanische Tradition, Bescheidenheit und Nachhaltigkeit.

Nicht zuletzt aufgrund dieser Assoziationen trugen bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts viele Berufsstände, von Postangestellten bis Lockführer, indigoblaue Kleidung. Noch heute tragen Schüler blaue Uniformen und viele Arbeitnehmer tragen im Büro Blau, um Seriosität, Fleiß und gute Absichten zu demonstrieren. Der Wandel in der Farbzuschreibung, von der aristokratischen Farbe bis zur Farbe des einfachen Mannes, könnte somit nicht drastischer sein.

Japan-Blau

Neben blauen Textilien gab es in Japan auch eine Vielzahl an Alltagsgegenständen in Blau und Weiß, wie Porzellan (z.B. Imari), Spielsachen, Haushaltsgegenstände oder Stellschirme. Blau, insbesondere Blau und Weiß, hatten sich einfach durchgesetzt.

Auch die Farbholzschnitte der Edo-Zeit vermitteln diesen Eindruck. Als schließlich mehr und mehr Ausländer in der Meiji-Zeit (1868 – 1912) nach der Öffnung des Landes nach Japan kamen, waren sie überrascht, so viel Blau vorzufinden. Indigo nannten sie in der Folge kurzum „Japan-Blau“.

Ukiyo-e details from Utagawa Hiroshige

Auch heute noch wird Blau in Japan mit dem Himmel und dem Meer in Verbindung gebracht. Japaner assoziieren mit Blau zudem Reinheit, Gelassenheit, Stabilität, Würde, Treue sowie Coolness und Passivität. Zudem zählt Blau zu den Glücksfarben in Japan. Und last but not least – aktuelle Umfragen besagen, dass Blau heute die beliebteste Farbe in Japan ist.   

Die Bedeutung der Farbe Weiß in Japan

Der Sinneseindruck (shiro), also das Klare, das heute als Weiß bezeichnet wird, zählt wie Blau zu den Urfarben Japans. Weiß ist eine heilige Farbe – die Farbe der Götter. Sie steht für Spiritualität und Reinheit auch im körperlichen Sinne. Zudem symbolisiert Weiß Humanität, Einfachheit und Wahrheit.

Die Farbkombination Blau und Weiß in Japan

Blau und Weiß – das Vage und das Klare. So vieles kommt in Japan in Blau und Weiß daher, wie gesagt: Textilien, Porzellan, Alltagsgegenstände, Spielsachen, Stellschirme und vieles mehr. Blau und Weiß ist neben Rot und Schwarz die verbreitetste Farbkombination in Japan. 

Blue and White Tsukiji fish market

Die universalen Naturfarben Blau und Weiß, die letztlich auch zu den Urfarben Japans zählen, ziehen sich wie ein robuster Faden durch die japanische Mythologie, Geschichte, die Literatur, das Handwerk und die Kunst. Dass diese Farbkombination aber so tiefe Wurzen schlug, mag auch daran liegen, dass sich Künstler und Handwerker in Japan schon immer primär an den Motiven der Natur orientierten. Lange Zeit galt in Japan gar nur das Natürliche als ästhetisch schön.  

Was mich nun beschäftigt, ist die Frage, ob die Verbreitung von Blau und Weiß seinerzeit auch wirklich eine Frage der Präferenz war, oder einfach eine Frage des Angebots und des Pragmatismus. Das Tragen von Indigoblau unter dem bäuerlichen Stand war ja sogar als Gesetz formuliert und damit möglicherweise gar nicht wirklich frei gewählt. Wie also stand es um die Popularität von Blau in Japan? Mochten die Menschen all das Blau? Ich schätze, dass mir Amy Sylvester Katoh hierzu sicher etwas sagen kann. Daher werde ich in jedem Fall versuchen, sie zu befragen.    

Fakt ist in jedem Fall, dass sich das Färben mit Indigo zu einem Handwerk von größter Vollkommenheit und Raffinnesse entwickelt hat. Blau und die Abwesenheit von Blau, also Weiß, eröffneten in eben diesem Kontrast endlose Möglichkeiten, insbesondere wenn es um Muster, Gewebe, figürliche Darstellungen oder Dekore ging. Indigofärber und Handwerker erzeugten Objekte von absoluter Schönheit, die nun zum kulturellen Erbe Japans zählen. Bis heute ziehen sich Blau und Weiß durch Kunst, Handwerk und das tägliche Leben.

Blau und Weiß tut einfach gut

Eine japanische Bekannte erklärte mir einmal, dass die Kombination von Blau und Weiß in Japan so beliebt sei, weil sie einfach „guttue“. Man sagt wohl, Blau und Weiß seien gut für den Körper… karada de ii. Das fand ich wirklich bemerkenswert. Leider hatte ich nicht die Gelegenheit, hierzu tiefer mit ihr einzusteigen. Ich kann daher nur mutmaßen, dass der von ihr gewählte Ausdruck „karada de ii“ nicht nur die Bedeutung von „gut für den Körper“, sondern auch die Bedeutung von „gut für das Gemüt“ beinhaltet.

Tagesdecke aus halb natürlichem, halb synthetischem Indigo – auf unserem Katamaran

Denn auch die heutigen Gefühlskomponenten und Assoziationen gegenüber Blau und Weiß verweisen auf das einfache Leben und die eher unprätentiösen Lebenssituationen. Yukata, also jene einfachen Leinenkimonos, in welchen man zum gemeinsamen heißen Bad eilte oder auch jene Yukata in welchen man schlief, waren gerne in Blau und Weiß gefärbt. Mit Blau und Weiß schwingt daher noch heute etwas Heimeliges und Gemütliches mit. Die Farben wirken einfach befreiend und entspannend, denn sie sind der Gegenpol zum komplizierten Establishment. Der Mensch ist eben Mensch in Blau und Weiß.

Auf die Gefühlskomponente von Blau und Weiß, gerade wenn es um den Yukata geht, verweist auch Amy Sylvester Katoh. Der Yukata besteht immer aus einem leichten atmungsaktiven Baumwollstoff, der sich ohnehin schon gut anfühlt. Doch gerade im Sommer mag sich der Träger noch kühler und erfrischter fühlen, wenn ein schönes blau-weißes Muster den Yukata ziert. Es ist also ganz gleich, ob diese Kleidungsstücke nun auf dem sommerlichen Fest getragen werden, im heißen Bad oder im Bett, sie stehen für Erholung, Entspannung, Freude und Spaß.

Man kann also gut und gerne sagen, dass die Kombination aus dem ehrlichen Blau und dem spirituellen Weiß seit jeher eine anziehende und lebensnahe Mischung war. Vergleichen wir Blau und Weiß mit dem streng und formalistisch wirkenden Schwarz und Weiß, wird schnell klar, dass ersteres die wesentlich lebendigere, lebensbejahendere und frischere Farbkombination ist. Wen mag es da noch verwundern, dass Blau und Weiß auch durchaus andere emotionale Assoziationen hervorrufen, als das reine Indigoblau, also das Blau der Arbeit und der Bescheidenheit.

Ein schönes Buch zum Thema Blau und Weiß in Japan ist das von Amy Sylvester Katho, die sich seit über 50 Jahren mit diesem Thema beschäftigt: Blue and White Japan. In der Fortsetzung zu diesem Thema hoffe ich, ein paar persönliche Rückmeldungen von Amy mit Ihnen teilen zu können. Also seien Sie gespannt, Fortsetzung folgt.  

By the way, dass ich gerade jetzt einen Artikel über die Farben Blau und Weiß schreibe, kommt vielleicht nicht von ungefähr. Seit gut fünf Monaten lebe ich nun mit meinem Mann auf einem Segelkatamaran. Wir leben auf dem Meer und das wird noch einige Zeit so bleiben. Im Grunde ist unser Leben gerade eines in Blau und Weiß… oder besser in „Weiß-Blau“, wie wir Bayern zu sagen pflegen.    

Quellen: The Colours of Japan, Sasao Hibi, Kodansha International Ltd.,Tokyo 2000 / Japan country living, Amy Sylvester Katoh, Tuttle Publishing, Boston 2002 / Another Kyoto, Alex Kerr and Kathy Arlyn Sokol, Penguin Random House, UK 2018 / Blue and White Japan, Amy Sylvester Katoh, Tuttle Publishing , Boston 1996

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